OTS0224 / 02.09.2010 / 17:36 / Channel: Politik / Aussender: Wiener Zeitung
Stichworte: Medien / Politik / Pressestimmen / Vorausmeldung


Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Sisyphos-Arbeit Nahost"

Utl.: Ausgabe vom 3. September 2010 =


   Wien (OTS) - Barack Obama ist ein mutiger Mann. Sich so kurz vor
wichtigen Kongresswahlen dem Risiko von Nahost-Friedensgesprächen
auch nur auszusetzen, verdient Respekt. Auf Umfragen und die Hetze
der "Tea Party" hat der US-Präsident bisher kaum reagiert.
Wahrscheinlich der richtige Zugang auch für die Gespräche zwischen
den Israelis und den Palästinensern.
Mehr als ins Gewissen reden können die Amerikaner Benjamin Netanyahu
und Mahmoud Abbas vermutlich eh nicht. Das Problem ist so
vielschichtig, dass selbst eine Annäherung der beiden es nicht
beseitigen kann. Andere arabische Länder haben mittlerweile eigene
Interessen. Syrien spielt ein undurchsichtiges Spiel, der Iran würde
seine Drohgebärden wohl auch bei neuen Verhandlungen um eine
Zwei-Staaten-Lösung nicht ändern. Saudi-Arabien schweigt und
finanziert - aber wen?
In Israel regiert zwar eine demokratisch legitimierte
Parteienkoalition, doch Aussagen so mancher Politiker lassen
erkennen, dass es mit deren Reife auch nicht sehr weit her ist.
Kurzum, die große Frage lautet: Wenn sich Israelis und Palästinenser
auf einen neuen Weg zur friedlichen Koexistenz besinnen, wird dies
das Pulverfass entschärfen? Kurzfristig vermutlich, denn die
Scharfmacher in der arabischen Welt werden eine Weile brauchen, bis
sie neue Argumente finden, warum der "verhasste Judenstaat" trotzdem
verschwinden muss.
Die gemäßigten Politiker haben in der Region - auch in Israel -
langfristig keine Chance, zumindest war dies bisher so. Die kleine
Ausnahme Jordanien laviert sich durch.
Freundlichere Töne als zuletzt und Verhandlungsbereitschaft werden
durch die direkten Gespräche in Washington zwischen Netanyahu und
Abbas möglicherweise zustande kommen. So etwas schaffte schon Obamas
Vorvorgänger Bill Clinton. Recht lange hat die von ihm initiierte
Einigung freilich nicht gehalten.
Das ist frustrierend, doch - so furchtbar es für einen offenkundig
ungeduldigen Menschen wie Obama sein mag - es gibt keinen anderen
Weg. Nahost-Diplomatie ist Sisyphos-Arbeit im wahrsten Sinn des
Wortes. Kein Krieg ist auch schon etwas in dieser Weltregion. Leider.
Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/leitartikel
Rückfragehinweis:
   Wiener Zeitung
   Sekretariat
   Tel.: +43 1 206 99-474
   redaktion@wienerzeitung.at
   www.wienerzeitung.at
	
							
												
							
*** OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER
INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT ***
OTS0224    2010-09-02/17:36
021736 Sep 10
PWR0001 0330