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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Geniestreich..."
Ausgabe vom 1. September 2010
Wien (OTS) - In Deutschland reden alle vom Selbstdarsteller Thilo
Sarrazin. Erstaunlich. Denn die eigentliche Sensation kommt vom
dortigen Arbeitsmarkt. Die Zahl der Arbeitslosen geht deutlich
zurück. Einer der Gründe dafür - so Wirtschaftsexperten - lag beim
Instrument der Kurzarbeit. Diese ermöglichte es Betrieben, ihre guten
Mitarbeiter trotz Krise und fehlender Aufträge zu halten. Nun springt
die Exportwirtschaft wieder an, die Industrie kann in ihren
Betriebsstätten gleich aus dem Vollen schöpfen. "Geniestreich" nennen
deutsche Experten diese Kurzarbeit. Nun wird sich weisen, wie
tragfähig und dauerhaft dieser Aufschwung ist, Skepsis ist durchaus
angebracht.
Doch bleiben wir bei der Momentaufnahme. In Österreich gab es die
Kurzarbeit auch, sogar noch eine Spur detaillierter ausgeformt als in
Deutschland. Nun wird viel an der heimischen Regierung herumgemäkelt
- vielfach zu Recht. Doch mit der Kurzarbeit haben auch Werner
Faymann und Josef Pröll bewiesen, dass die Regierung handlungsfähig
ist - wenn sie will. Die Arbeitslosenrate in Österreich ist derzeit
die niedrigste in der EU.
Wer allerdings hierzulande von einem Geniestreich spricht, kommt nur
in den Geruch, den Mächtigen gefallen zu wollen. Gutes wird in
Österreich gerne kommentarlos hingenommen, um sich stärker über die
Schlechtigkeiten aufregen zu können.
Die Regierung hat also beim Arbeitsmarkt bisher gute Arbeit
geleistet. Nun sind die Sozialpartner am Zug, im Rahmen der
Herbst-Lohnrunde. Dabei sollten diesmal weniger die Prozentsätze im
Vordergrund stehen, die Inflation ist mit 1,6 Prozent ohnehin sehr
niedrig. Dafür sollten die Sozialpartner darüber reden, wie auch in
Zeiten von geringem Wirtschaftswachstum möglichst viele Menschen
einer Arbeit nachgehen können. Ob dies flexiblere Arbeitszeitmodelle
bis hin zu umfangreicheren Gleitpensionsregelungen oder
Arbeitszeitverkürzungen sind, sei der Phantasie der Sozialpartner
überlassen. Die guten Arbeitsmarktdaten sollten jedenfalls auch eine
längere Durststrecke überdauern können. Sich noch einmal auf
Kurzarbeit zu verlassen, wäre fatal - denn dafür wurden Steuermittel
aufgewendet, die angesichts des Budgetdefizits nicht mehr in dieser
Höhe zur Verfügung stehen werden.
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