OTS0254 / 25.08.2010 / 18:00 / Channel: Politik / Aussender: Die Presse
Stichworte: Bundesregierung / Politik / Pressestimmen / Österreich


"Die Presse" Leitartikel: Scheitern an der Champions League, von Karl Ettinger

Utl.: Ausgabe vom 26.08.2010 =


   Wien (OTS) - Millionen und vergeigte Chancen: Salzburgs Fußballer
und die Bundesregierung haben viel gemeinsam.
Die Spielerbank war voll besetzt. Für jene Österreicher, die am
Mittwoch via ORF-Direktübertragung die von der Opposition
durchgesetzte Sondersitzung des Nationalrats verfolgten, war es
letztlich eine ähnlich enttäuschende Darbietung wie am Abend zuvor
das Unentschieden der Fußballer von Red Bull Salzburg in Israel,
denen damit erneut der Aufstieg in die Champions League, die
Elitegruppe in Europa, verwehrt blieb.
Salzburg erweckte nicht den Eindruck, sein Ziel mit allerletztem
Einsatz anzustreben. Finanzminister Josef Pröll machte auf der
Regierungsbank erst gar keine Anstalten, die Hinhaltetaktik bei der
Budgeterstellung 2011 aufzugeben. Er hofft unverdrossen, in der von
der Regierung selbst angezeigten Nachspielzeit die entscheidenden
Treffer zur Sanierung des Staatshaushaltes zu erzielen.
Vorerst spielen Rot und Schwarz freilich in die verkehrte Richtung.
Denn am Dienstag hat sich die Bundesregierung bei ihrem Heimspiel in
der ersten Ministerratssitzung nach der Sommerpause gegen die nicht
sonderlich trickreiche, aber gut eingespielte
Landeshauptleute-Mannschaft aus den Bundesländern ein spektakuläres
Eigentor geschossen: Die Verordnung zur Eindämmung der Kosten für die
Pflichtschullehrer wurde für längere Zeit vom Spielfeld gekickt.
Dabei hatte Unterrichtsministerin Claudia Schmied den Flankenangriff
schön vorbereitet. Die SPÖ-Ressortchefin wollte jenen Ländern, die zu
viele Pflichtschullehrer einstellen, auf die Schienbeine treten und
sie zur Rückerstattung überhöhter Kosten verpflichten. Sie blieb aber
mangels Unterstützung der Bundesregierung in dem von
Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll lautstark dirigierten
Abwehrriegel der Länder stecken.
Schmied muss sich nach ihrem missglückten Dribbling Hohngelächter
anhören. Diese Regierung schafft es nicht einmal, so tolle Chancen zu
nützen und die Lehrerverordnung trocken über die Linie zu drücken.
Stattdessen wurde Schmied von der eigenen Mannschaft gefoult und der
Ball in einer tatsächlich atemberaubenden Aktion direkt ins eigene
Gehäuse befördert. In einem Match, in dem Rot-Schwarz ohnehin wie auf
einer schiefen Ebene gegen die Länder anrennen, kann die Regierung
mangelndes Selbstbewusstsein, gepaart mit Unbeholfenheit, nicht mehr
besser unter Beweis stellen.
Wer die Aussagen von Salzburg-Trainer Huub Stevens nach dem
Ausscheiden gegen Hapoel Tel Aviv und jene von Regierungscoach Werner
Faymann nach dem Ministerrat am Abend via TV verfolgte, sah
frappierende Parallelen von Hilflosigkeit. Da der Bundeskanzler, der
wie stets im freundlichen Ton bezüglich der Eindämmung der
Lehrerkosten auf den nächsten Finanzausgleich 2013 vertröstete und
sonst alles in bester Ordnung sah. Dort der Fußballspielleiter, der
offenbar wie Faymann bei einem anderen Match war und etwas von
Fortschritten faselte.
Finanzminister Pröll versuchte bei der Sondersitzung zum Budget auch
in der Eliteliga mitzudribbeln. Während in anderen EU-Ländern bereits
konkret an Einsparungen im öffentlichen Dienst oder bei Pensionen
gearbeitet wird, verwies er vor allem auf die in der
Mannschaftsbesprechung abgestimmten Anweisungen. Diese besagen zwar,
was zu tun wäre, damit Österreich in die Richtung eines niedrigen
Budgetdefizits findet. Allerdings hat das rot-schwarze Nationalteam
derzeit schon Probleme, den Weg aus der Kabine zu finden. Vom
Einhalten des Taktikpfades auf dem Rasen, der vor dem
Budgetschlusspfiff im Dezember sicher noch viel holpriger wird, ganz
zu schweigen.
Das Glück der Regierungsakteure ist, dass von der blau-grün-orange
besetzten Ersatzbank wenig Gefahr droht, aus der Regierungsmannschaft
verdrängt zu werden. Für die heimische Meisterschaft mag das Gezeigte
mangels echter Alternativen ja noch immer reichen. Aber wer seine
Möglichkeiten so leichtfertig vergeigt, wie es diese Regierung tut,
darf sich nicht wundern, wenn das Land international nicht
weiterkommt.
Bei allen Parallelen zum Fußball bleibt allerdings ein entscheidender
Unterschied: In Salzburg verpulvert ein erfolgreicher Unternehmer
seine privaten Millionen Jahr für Jahr in einem Kickerklub. In der
Republik Österreich spielen die Regierenden nicht mit ihrem eigenen
Geld, sondern mit jenem der Bürger. Da sind deren Schnitzer umso
schmerzhafter.
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