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OTS0047   19. Aug. 2010, 09:50

Nein zur Stigmatisierung von adipösen Menschen

Adipositas ist eine Krankheit und braucht gesamtgesellschaftlichen Lösungsansatz


Meldungen aus Großbritannien sorgen auch in
Österreich für heftige Diskussionen: Das britische
Gesundheitsministerium möchte, dass ÄrztInnen Menschen mit Adipositas
zukünftig als "fett" bezeichnen, um sie zum Abnehmen zu motivieren.
Diese Stigmatisierung und Diskriminierung ist klar abzulehnen.

Schon jetzt ist die Diskriminierung und Stigmatisierung adipöser
Menschen massiv: Studien zeigen, dass sie zu den am stärksten
diskriminierten Gruppen in unserer Gesellschaft gehören. Sie werden
bei der Jobsuche von PersonalistInnen überdurchschnittlich häufiger
abgelehnt, haben weniger Freunde, bekommen schwerer einen
Partner/eine Partnerin. Kinder mit großem Übergewicht werden bereits
im Kindergarten gehänselt, ihre Lebensqualität liegt - Studien
zufolge - hinter jener von Kindern, die an Krebs erkrankt sind.

Diskriminierung verschlimmert das Problem
Adipositas ist laut WHO eine chronische Erkrankung mit einer
komplexen Ätiologie und erfordert einen umfassenden
Behandlungsansatz. Das Vorhaben, chronisch kranken Menschen durch
eine weitere Diskriminierung als "Fette" "helfen" zu wollen, ist
ethisch extrem fragwürdig. Es gemahnt an Zeiten, in denen man
Alkoholkranke als SäuferInnen, psychiatrische PatientInnen als
IdiotInnen und behinderte Menschen als Krüppel bezeichnete.

Der in Großbritannien vorgeschlagene "Behandlungsansatz durch soziale
Ächtung" widerspricht jeder wissenschaftlichen Erkenntnis. Es gibt
keinerlei wissenschaftliche Evidenz dafür, dass Stigmatisierung und
Diskriminierung bei adipösen Personen zu einer dauerhaften
Gewichtsabnahme führen. Im Gegenteil, der psychische Druck auf die
Betroffenen wird erhöht und die Betroffenen versuchen immer
angestrengter mit Hilfe von unadäquaten und gesundheitsschädlichen
Maßnahmen, wie Diäten und ungesundem Essverhalten, Einfluss auf ihr
Gewicht zu nehmen. Und das führt nicht nur zu weiterem Übergewicht
durch den unvermeidbaren Jojo-Effekt, sondern bahnt nicht selten auch
den Weg zu manifesten Essstörungen.

Die pauschale Stigmatisierung von übergewichtigen Menschen weist
zusätzlich eine nicht unbedeutende "Nebenwirkung" auf: Schlankheit
wurde in den letzen Jahrzehnten derart überidealisiert, dass selbst
normalgewichtige Menschen sich zu dick empfinden und gestörtes
Essverhalten, Essstörungen ebenfalls ansteigen. Magersucht und
Adipositas sind zwei Seiten der selben Medaille und markieren jeweils
die Endpunkte eines Kontinuums normierter Körperbilder.

Prävention auf allen Ebenen ist notwendig
Es braucht etwas anderes als sogenannte "Erziehungsmaßnahmen", um der
immer größer werdenden Anzahl von stark übergewichtigen Menschen zu
helfen. Es braucht Präventionsmaßnahmen auf allen Ebenen der
Gesellschaft beginnend im Kleinkindalter, die Achtung der
Vielfältigkeit menschlicher Körperformen und die Akzeptanz des neuen
Paradigmas "Health at any Weight".

Der/die Einzelne trägt Verantwortung für seine/ihre Gesundheit, diese
wird aber durch soziale, finanzielle, biologische Umweltfaktoren
eingeschränkt. Tatsächlich fördert die derzeitige bewegungsarme
Überflussgesellschaft Adipositas. Eigenverantwortung kann dann
eingefordert werden, wenn Menschen in einem gesundheitsfördernden
Umfeld leben und gesunde Entscheidungen getroffen werden können.

Eine Stellungnahme des Wiener Programms für Frauengesundheit

- ao. Univ. Profin Drin Beate Wimmer-Puchinger
Frauengesundheitsbeauftragte und Leiterin des Wiener Programm für
Frauengesundheit
- Maga Michaela Langer
Stv. Leiterin des Wiener Programms für Frauengesundheit

Im Konsens mit (in alphabetischer Reihenfolge):

- Ärztekammer für Wien
- ao. Univ. Profin Drin Elisabeth Ardelt-Gattinger
Fachbereich Psychologie der Universität Salzburg, Vizepräsidentin der
Obesity Academy Austriy (OAA)
- Dr. Erich Gattinger
Geschäftsführer der Obesity Academy Austria (OAA)
- intakt - Therapiezentrum für Menschen mit Essstörungen
- Elisabeth Jäger
Präsidentin der Österreichischen Adipositas-Selbsthilfegruppen
- Maga Ulla Konrad
Präsidentin des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen
- PD Primar Dr. Karl Miller
Krankenhaus Hallein, Präsident der International Federation for the
Surgery of Obesity and Metabolic Disorders (IFSO), Präsident OAA
- Drin Eva Mückstein
Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie
- Österreichische Ärztekammer

- Univ. Prof. Dr. Arnold Pollak
Vorstand der Universitätsklinik für Kinder und Jugendheilkunde des
AKH Wien
- Univ. Prof. Dr. Günther Rathner
Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Essstörungen
- Univ. Profin Drin Anita Rieder
Präsidentin der Österreichischen Adipositas Gesellschaft
- Assoc. Prof. Drin Susanne Ring-Dimitriou
Interfakultärer Fachbereich für Sport- und Bewegungswissenschaften
Salzburg, Vorsitzende Wissenschaftlicher Beirat OAA
- Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des AKH Wien
- Drin Karin Waldherr
Obmannstellvertreterin des Netzwerk Essstörungen
- Dr. Daniel Weghuber
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Salzburg, Vorstand
OAA
- Primar Dr. Peter Weiss
Vorstand der Abteilung für Innere Medizin und Psychosomatik im
Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
OTS0047 2010-08-19 09:50 190950 Aug 10 NRK0006 0674



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Rückfragehinweis: Ao. Univ. Profin Drin Beate Wimmer-Puchinger
Wiener Frauengesundheitsbeauftragte
Telefon: +43 1 4000 87160
E-Mail: beate.wimmer-puchinger@wien.gv.at
www.frauengesundheit-wien.at

Maga Michaela Langer
Telefon: +43 1 4000 87161
E-Mail: michaela.langer@wien.gv.at
www.frauengesundheit-wien.at

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