Graz (OTS) - Man sollte aufhören mit dem verlogenen Satz: Für Karl-Heinz Grasser gilt die Unschuldsvermutung. Die Formel ist ein Karabiner. Man schlägt ihn zur Selbstsicherung in Texte hinein, die das Gegenteil dessen suggerieren, was der Satz sagt. Es gilt die allgemeine Schuldvermutung.
Man spürt die öffentliche Lust, den Bedrängten im Fangnetz der Justiz zappeln zu sehen. Die schrillen Forderungen an die Anklagebehörde und Justizministerin, Greifbares vorzulegen, erinnern an die Skalp-Rufe im Western. Einen rechtsstaatlichen Boden hat die geifernde Justizschelte nicht.
Es ist befremdlich, dass der Ruf nach ministeriellem Eingreifen von jenen Oppositionellen ertönt, die sonst lautstark eine einflussfreie Justiz und die Teilung der Gewalten beschwören.
Es gibt kein Indiz, dass die Justiz vor der Prominenz des Verglühten einknickt. Eher scheint die Mutmaßung plausibel, dass mangelnde Ressourcen die Zügigkeit der Ermittlungen beeinträchtigen. Hier hat die Politik Abhilfe zu schaffen und die Kräfte zu bündeln.
Nicht nur der Bürger, um dessen Steuergelder es in den Verdachtsfällen geht, auch der Beschuldigte hat ein Recht, dass die Anschuldigungen in angemessener Frist geprüft und rechtlich klassifiziert werden.
Was vorliegt, sind Puzzleteile eines Sittenbildes. Neue sind hinzugekommen. Sie verdichten das Bild, etwa jenes der Partei der Fleißigen und Anständigen, die sich 2000 dehydriert über die Tröge warf, getreu dem blauen Masterplan der Selbstmästung - mit Jörg Haider als Mastermind?
Und dennoch: Jene Puzzle-Teile, die beweisen, dass Grasser seine Amigos bei Vergaben mit Indiskretionen begünstigte und womöglich selbst an den Provisionen mitschnitt, gibt es nicht. Den Vorwurf verbrecherischer Untreue erhebt man nicht ohne Beleg.
Unstrittig ist die verheerende Optik. Allein, dass Grasser sie zuließ, reicht für den Nachweis moralischen Versagens. Es besteht darin, dass er die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Politischen in Permanenz verschob oder gänzlich aufhob.
Der frühe Aufstieg, ohne dass das ethische Fundament mitwuchs, die Popularität und Selbstbezogenheit haben den Begabten unempfindlich gemacht, was in der Politik geht und was nicht. Bei Privatisierungen, die man politisch verantwortet, haben keine Haberer mit Säcken aufzutauchen. Als oberstes Aufsichtsorgan der Banken lässt man sich nicht vom schwarzen Mohr auf die Jacht einladen. Ein Minister lässt sich keine Homepage und keine Anzüge schenken. Die Schamlosigkeit begann im Kleinen und endete ganz nah am Feuer des Strafrechts. Diese letzte Vermessung ist hysteriefrei abzuwarten.****
Rückfragehinweis: Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, redaktion@kleinezeitung.at, http://www.kleinezeitung.at
*** OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT ***
OTS0041 2010-07-31/20:14
312014 Jul 10
PKZ0001 0392
05.09.2010 / 12:02:53 / Grüner Klub im Parlament
03.09.2010 / 11:28:56 / Grüner Klub im Parlament
02.09.2010 / 13:01:45 / Format
02.09.2010 / 11:20:58 / Grüner Klub im Parlament