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Die Presse - Leitartikel: "Aus Mangel an Internationalität", von Wolfgang Böhm
Ausgabe vom 31.07.2010
Wien (OTS) - Die Zuwanderungsdebatte ist ein Symptom für die tiefe
Abneigung gegen globale Entwicklungen in Österreich.
"Be careful what you wish for", lautet ein englischer Spruch, der so
gut zur österreichischen Seele passt. Aus Umfragen wissen wir, was
sich die Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher von Herzen
wünscht: keine Zuwanderung, keine eigene Auswanderung, keine
Globalisierung, keine internationale Konkurrenz. Es ist der Wunsch
nach einem Leben wie in Albanien vor der Wende, also in einem Land,
das sich von allen globalen Einflüssen abgeschottet hat: arm,
korrupt, aber autark zu sein.
Die negativen Reaktionen auf die Zuwanderungsinitiative von
Außenminister Michael Spindelegger sind Sinnbild einer Diskrepanz
zwischen Angstgefühlen und Realität. In dieser Debatte wird der
Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften mit Ängsten von billigen
Zuwanderern in einen Topf geworfen. Eine Organisation hat sich dabei
erneut hervorgetan, jede internationale Öffnung unseres Landes zu
hintertreiben: die Arbeiterkammer. Sie war skeptisch gegenüber einem
EU-Beitritt, kritisch gegenüber der Euro-Einführung, sie lehnt die
Globalisierung ab und naturgemäß auch die Zuwanderung von
Arbeitskräften. Als "falsches Signal" kritisierte AK-Chef Tumpel in
der "Kronen Zeitung" den Vorstoß für eine geregelte Zuwanderung. Bei
wachsender Arbeitslosigkeit sei der Zuzug von Fachkräften
verwerflich.
FPÖ wie AK argumentieren mit einer Milchmädchenrechnung, in der sie
die Zahl der Migranten den arbeitslosen Österreichern
gegenüberstellen, obwohl es dabei um ganz unterschiedliche Probleme
geht. Dem einen Problem, der Arbeitslosigkeit von unterqualifizierten
Österreichern und von eingebürgerten "Gastarbeitern" der zweiten
Generation, muss mit Bildungsoffensiven entgegengewirkt werden. Das
andere Problem der internationalen Konkurrenzfähigkeit unsers Landes
muss durch attraktive Jobangebote für Menschen mit Know-how gelöst
werden. Ob sie aus Österreich oder aus dem Ausland kommen, spielt
dabei keine Rolle.
Österreich droht aus Mangel an Internationalität an
Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Das betrifft nicht nur ein paar
Konzerne, sondern jeden einzelnen Bürger. Laut einer jüngsten
Eurobarometer-Umfrage ist in keinem EU-Land die Bereitschaft so
gering wie in Österreich, sich selbst nach attraktiven Jobs jenseits
der nationalen Grenzen umzusehen. Diese Menschen schränken selbst
ihre Chancen ein. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere
sind jene 5000 jungen Bürger aus dem Segment der Hochqualifizierten,
die konträr agieren und Österreich pro Jahr verlassen. Laut
Migrationsexperten Heinz Fassmann wandern sie für immer in Länder, in
denen sie attraktivere Jobs und eine Gesellschaft finden, die
gegenüber engagierten Zuwanderern offener ist.
Um im internationalen Wettbewerb mitzuhalten, fehlt Österreich diese
Offenheit. Die Globalisierung und die Zuwanderung werden hier als
Gefahr, nicht als Chance gesehen. Und die Politik schürt die
Illusion, dass solche Entwicklungen gänzlich steuerbar sind. Das sind
sie aber nicht. 214 Millionen Menschen sind laut der International
Organization for Migration derzeit weltweit auf Wanderschaft. Das ist
ein Vielfaches der Migration von vor dreißig Jahren. Das Volumen des
internationalen Handels hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg um das
Dreißigfache vergrößert.
Es ist ein Faktum, dass die Globalisierung die Kluft zwischen Arm und
Reich vergrößert hat. Es ist auch ein Faktum, dass Wanderströme
soziale Spannungen ausgelöst haben. Aber es ist dennoch ein
Trugschluss, beide Entwicklungen zu verdammen. Internationalität ist
nicht etwas, was wir uns aussuchen können. Sie ist eine Prämisse
unserer Existenz geworden.
Weltweite Märkte, ob für Waren oder für Arbeitskräfte, sind von ihrer
Natur her ein Mechanismus des Tauschs und des Ausgleichs. Nur die
hier im Westen entwickelte Gier hat sie pervertiert. Im Normalfall
profitieren beide Seiten eines Markt-Handels. Wer heute - so wie die
Arbeiterkammer - vor den sozialen Auswirkungen der legalen
Zuwanderung warnt, setzt sich über das Faktum hinweg, dass Migranten
schon in der Vergangenheit zum Wohlstand unseres Landes beigetragen
haben. Er negiert aber auch die Chance für beide Seiten: Für die
Wirtschaftsentwicklung in Österreich und für den Transfer von Wissen
und Geld in ärmere Länder. Jahr für Jahr überweisen Migranten einen
guten Teil ihres Verdienstes in ihre Heimat. 2009 waren das weltweit
414 Billionen Dollar. Das ist mehr als alle Staaten zusammen an
Entwicklungshilfe leisten.
Es ist hintergründig nicht alles schlecht, was vordergründig Angst
macht.
Rückfragehinweis:
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