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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Gefährliche Versuchung"
Ausgabe vom 30. Juli 2010
Wien (OTS) - Die katholische Kirche ist zu vielen Menschen - in
diesem Land wie auf der ganzen Welt - ein zu großes Anliegen, als
dass über ihre Sorgen und Probleme gleichgültig hinweggesehen werden
könnte. Die Kritiker aus Prinzip brauchen in diesem Fall einmal nicht
zu interessieren; es geht um all jene, denen ihr Glaube am Herzen
liegt.
Sicher, die Kirche ist keine Demokratie, will und kann dies wohl auch
gar nicht sein; zudem ist jeder, dem es in ihr nicht gefällt, frei,
seinen Hut zu nehmen und zu gehen. Das tun ohnehin genug. Umso
genauer sollte die Amtskirche all jenen zuhören, die guten Willens
sind.
Rom trägt die Last der Verantwortung für eine Weltkirche mit über 1,1
Milliarden Mitgliedern. Das wiegt schwerer, als sich viele
vorzustellen vermögen. Genau diese Konstruktion mit ihrem einen, für
alle sichtbaren Oberhaupt, dem Papst, hat viel zum Erfolg der Kirche
als Institution durch die zwei Jahrtausende ihrer Geschichte
beigetragen.
Am Gläubigen als mündigen Bürger kommt aber auch diese erfolgreichste
aller Institutionen nicht vorbei. Zumindest dann nicht, wenn sie Wert
darauf legt, auch in der westlichen Welt als Volkskirche zu
überleben. Ein Mindestmaß an Mitsprache für die Menschen vor Ort bei
der Personalauswahl ist heute einfach selbstverständlich.
Die Hartnäckigkeit, mit der Rom die Wünsche der Ortskirche bei
Bischofsernennungen übergeht, verwundert umso mehr, weil es die
Kirche in der Vergangenheit ja nicht an Flexibilität bei neuen
Verhältnissen vermissen ließ. Neu ist nur, dass es nicht mehr
weltliche Herrscher sind, die der Kirche Macht abtrotzen, sondern
einfache Gläubige.
Das Thema Priestermangel schließlich trifft die Kirche in ihrem
Innersten. Warum sie sich hier Lösungen verschließt, die sie im
Prinzip - bei den unierten Kirchen, die keinen Pflichtzölibat kennen
- bereits akzeptiert, verstehe, wer kann.
Vielen in der Kirche mag es verführerisch erscheinen, angesichts der
angeblichen Verderbtheit unserer modernen Zeit wieder zu einer
kleinen "Elite der Auserwählten" zu schrumpfen. Die Folgen wären von
enormer Reichweite. Mit einem Erfolg sollte dieser Weg nicht
verwechselt werden - weder für die Kirche noch für die Gesellschaft.
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