• 21.07.2010, 18:15:10
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Was Tierfutter mit der Krise gemein hat - von Michael Laczynski

"Die Abschaffung der gesetzlichen Regeln führt zum Oligopol"

Wien (OTS) - Gemäß der reinen Lehre hätte es das
Tierfutter-Kartell gar nicht geben dürfen. Die Theoretiker der
Volkswirtschaft gehen nämlich davon aus, dass Absprachen zwischen
Firmen aufgrund des inhärenten Konkurrenztriebs nie von langer Dauer
sein können. Der Impuls, die Wettbewerber auszustechen, ist demnach
unweigerlich stärker als die vereinbarte Preisdisziplin.

Wenn dem so ist, dann müssen jene neun Firmen, die am Dienstag wegen
Absprachen beim Verkauf von Tierfutter-Zusatzmitteln zu Strafen in
dreistelliger Millionenhöhe verdonnert wurden, keinen Tau gehabt
haben von der hohen Schule der Ökonomie. Zur Überraschung der
EU-Wettbewerbshüter hielt ihr Kartell 35 Jahre lang. Doch bereits
Goethe wusste: "Grau ist alle Theorie und grün des Lebens goldner
Baum."

Wie viele goldene Früchte die bösen Futterbuben im Laufe der letzten
dreieinhalb Jahrzehnte abgestaubt haben, lässt sich im Nachhinein
schwer nachvollziehen. Doch der Wunsch nach der reichen Ernte ist
weit verbreitet. Seit Jänner hat Brüssel Kupferrohr-Firmen,
Chip-Hersteller, Produzenten von Fensterbeschlägen, Autozulieferer
und Sanitärunternehmen wegen Kartellverdachts durchleuchtet. Und das
Jahr ist gerade einmal zur Hälfte um.

Wenn Theorie und Praxis miteinander kollidieren, dann gibt es zwei
Möglichkeiten, mit dem Dilemma umzugehen: Entweder man versucht, die
Wirklichkeit mit Gewalt an die Theorie anzupassen - diesen Weg ist
etwa die UdSSR gegangen, bevor sie vom Gewicht ihrer dialektischen
Widersprüche erdrückt wurde. Oder man überdenkt die vorherrschende
Lehre. Das heißt dann Paradigmenwechsel.

Womit wir wieder einmal bei der Finanzkrise angelangt wären. Die im
Laufe der letzten Jahre gesammelten Erfahrungen schreien geradezu
nach einem neuen Paradigma. Das alte - wir lehnen uns alle möglichst
weit zurück und lassen die Firmen machen - hat sich augenscheinlich
nicht bewährt. Als besonders fatal herausgestellt hat sich die
Vorstellung, Unternehmen seien besser bei der Überwachung der
Spielregeln als der Staat. Doch wie wir jetzt wissen, führt die
Abschaffung gesetzlicher Rahmenbedingungen nicht ins kapitalistische
Nirwana, sondern geradewegs in ein korruptes Oligopol. Das gilt für
Tierfutter genauso wie für Kredite. Doch zum Glück müssen wir in
dieser Hinsicht nicht lange suchen, denn es gibt Alternativen.

Bevor sie vom Finanzsektor als Ausrede für Laissez-faire-Exzesse
herhalten musste, hieß die Lehre vom freien marktwirtschaftlichen
Wettbewerb Ordoliberalismus. Ordo wie Ordnung.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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