- 09.07.2010, 19:05:04
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DER STANDARD - Kommentar "Der Notstand an den Unis" von Alexandra Föderl-Schmid
Den Rektoren bleibt nur Selbsthilfe, denn die Politik agiert hilflos - Ausgabe vom 10./11.7.2010
Wien (OTS) - Deutschland macht es vor: Am Freitag gab der
Bundesrat grünes Licht für ein neues Stipendienprogramm, mit dem
begabte Studierende besonders gefördert werden sollen. Die
leistungsstärksten zehn Prozent der Studenten bekommen 300 Euro
monatlich - rückzahlungsfrei und unabhängig vom Einkommen der Eltern.
Die Hälfte des Betrags sollen die Hochschulen bei Sponsoren vor allem
in der privaten Wirtschaft auftreiben, die anderen 150 Euro kommen
vom Staat. Das voll ausgebaute Stipendienprogramm soll 630 Millionen
Euro kosten.
Am gleichen Tag in Österreich: 10.500 junge Menschen haben sich für
die in Wien, Graz und Innsbruck stattfindenden Aufnahmetests für das
Medizinstudium angemeldet, sie rittern um 1500 Plätze.
Und Wissenschaftsministerin Beatrix Karl will sich nicht zu der von
ihrer Vorgängerin Elisabeth Gehrer in Auftrag gegebenen Studie
äußern, die besagt, dass österreichische Universitäten einen
beträchtlichen Rückstand gegenüber deutschen und Schweizer Unis
haben, was die finanzielle Ausstattung betrifft.
Die Studie wird seit fünf Jahren unter Verschluss gehalten - aus
gutem Grund. Denn die Situation hat sich nicht verbessert, im
Gegenteil. Der freie Hochschulzugang ist eine Lebenslüge wie die
Neutralität, die Realität sieht ganz anders aus. Nicht nur an der
Medizin-Uni werden die Bewerber ausgesiebt: Offiziell gibt es eine
Selektion oder Zugangsregeln an der Veterinärmedizinischen Uni, in
den Fächern Psychologie, Publizistik und bei den künstlerischen
Studien. Ab Herbst versucht auch die Wirtschaftsuniversität Wien mit
Entscheidungsprüfungen in der Eingangsphase, den Studentenandrang zu
bewältigen.
Die Universitäten greifen zu Notwehraktionen, weil sie von der
Politik alleingelassen werden. Ministerin Karl gestand zwar ein, dass
der freie Hochschulzugang "ein Problem" sei. "Unzumutbar" für
Lehrende und Studierende die Zustände in jenen Fächern, bei denen
Massenandrang herrscht. Die frühere Jus-Dozentin wirkte im ZiB
2-Interview hilflos bei der Frage nach den Konsequenzen, die sich aus
dieser Zustandsbeschreibung ergeben.
Sollte der ÖVP-Ressortchefin gelingen, mit Bildungsministerin Claudia
Schmied (SPÖ) ein Abtauschgeschäft einzufädeln - die SPÖ gibt den
freien Hochschulzugang auf, die ÖVP stimmt der Gesamtschule zu. Eine
Umsetzung ist vor nächstem Jahr auf keinen Fall zu erwarten.
Außerdem wäre das höchstens eine Erste-Hilfe-Maßnahme, aber keine
grundlegende Änderung der Politik. Denn noch gilt die Vorgabe, dass
die Uni-Budgets ab 2013 eingefroren werden müssen. Das heißt im
Klartext: Es gibt Kürzungen in allen Bereichen, auch beim Personal.
Zum Vergleich wieder Deutschland: Trotz eines Sparpakets im Ausmaß
von 80 Milliarden Euro in den kommenden vier Jahren gibt es zwölf
Milliarden Euro für die Universitäten und die Forschung - zusätzlich.
In Österreich herrscht schon jetzt Notstand an den Universitäten.
Exzellenz wird zwar rhetorisch angepeilt, aber nicht - wie in
Deutschland mit der Eliteförderung - praktisch angegangen.
Am Beispiel der Universitäten wird deutlich, worauf wir uns in
Österreich in den nächsten Jahren einstellen müssen: Es muss gespart
werden, Reformen sind nicht vorgesehen. Den Rektoren bleibt nur
Selbsthilfe, die Politik agiert hilflos.
Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445
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