- 07.07.2010, 18:20:12
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Die Presse - Leitartikel: "Mehr Geld allein löst die Uni-Misere nicht", von Christoph Schwarz
Ausgabe vom 08.07.2010
Wien (OTS) - Die Unis brauchen ein neues Finanzierungsmodell. Für
Rektoren und Regierung könnte das schmerzhaft werden.
Eiligst einberufene Pressekonferenzen, polemische Aussendungen und
Hiobsbotschaften vom Niedergang des Bildungswesens: Zum Ausklang des
Uni-Semesters beweisen die Rektoren einmal mehr taktisches Gespür.
Seit die Wissenschaftsministerin angekündigt hat, die Budgets der
Hochschulen ab 2013 bestenfalls "einzufrieren", sind die Uni-Chefs in
Höchstform. Aber so unbequem die Studien- und Budgetsituation an den
heimischen Hochschulen auch ist - die Rektoren selbst machen es sich
darin ziemlich bequem: Die unverständliche Blockadepolitik, mit der
SPÖ und ÖVP den Bildungssektor konsequent vor echten Änderungen
bewahren, ermöglicht es ihnen, sich zurückzulehnen, unter Beifall
über ihre Unterfinanzierung zu sudern und nebenbei die Probleme auf
die Studenten abzuwälzen.
Denn die von Ministerin Karl eingeforderte Kreativität in
Finanzierungsfragen (die sie selbst freilich, siehe die zynische
Aufforderung, man solle nicht länger auf staatliche Mittel hoffen,
sondern die Privatwirtschaft anzapfen, vermissen lässt), täuschen die
Rektoren nur vor. Davon zeugen nicht zuletzt die Spar-Tipps von
Rektorenchef Hans Sünkel, die er der Regierung jetzt erteilt hat:
Abseits der vernünftigen Idee, den Unis tatsächlich Eigentum an ihren
Gebäuden zu verschaffen - und sie nicht zu zwingen, mit Mieten an die
staatseigene Bundesimmobiliengesellschaft im Jahr 200 Millionen Euro
aus ihren Budgets an den Finanzminister zurückzuüberweisen -, klingen
die Vorschläge eher nach politischer Polemik denn nach einem Konzept
für einen leistungsfähigen Hochschulsektor.
Eine Auswahl an Ideen? Österreich solle doch den "völlig sinnlosen"
Grenzeinsatz beenden und das Geld direkt an die Unis umleiten. Auch
lange Asylverfahren - und ja, diese dauern in Österreich tatsächlich
zu lang - seien nicht mehr nötig, sagt Sünkel. Das Geld für den
Verwaltungsaufwand sei besser an den Unis aufgehoben. Gleich verhalte
es sich mit den Einnahmen aus dem Glücksspiel. Selbst den
Rechnungshof, der unlängst an seiner Uni, der TU Graz, die Effizienz
von Frauenprogrammen prüfte, wolle er nicht mehr im Haus haben. Und
wieder bliebe mehr Geld für die Unis. Andere Rektoren sind ähnlich
"kreativ": Die Uni Klagenfurt wird den Zugang zum Psychologiestudium
für zwei Jahre sperren, die WU Wien verschärft die
Studieneingangsphase. Studenten, die sich beklagen, kann man ja an
die Wissenschaftsministerin verweisen, die zwar einem
"Zukunftsressort" vorsteht, aber nicht die Kraft hatte, sich (anders
als ihre deutsche Kollegin, die trotz Sparpaket in den nächsten vier
Jahren zwölf Milliarden Euro für Bildung erhält) gegen Kürzungen zu
stemmen.
Was Österreich tatsächlich braucht, ist eine umfassende Reform der
Hochschulfinanzierung. Bis heute gibt es an den Unis keine
Budgetwahrheit. Was zwar in einem Land, in dem sich nicht einmal die
Regierung traut, einen Staatshaushalt vorzulegen, auf den ersten
Blick nicht verwundert, deshalb aber nicht weniger problematisch ist.
Weder Unis noch Ministerin wissen wirklich, wie viel ein Studienplatz
in den einzelnen Fachrichtungen kostet, geschweige denn, wie viele
Plätze derzeit ausfinanziert werden können oder der Staat überhaupt
finanzieren will. Jetzt einfach weiter Geld ins System zu pumpen,
löst die strukturellen Probleme also nicht.
Eine Lösung böte ein Modell zur Studienplatzfinanzierung, ähnlich
jenem, wie es die Fachhochschulen haben. Die Finanzierungsströme für
Forschung (hier muss der Staat mutige Grundlagenforschung
ermöglichen, an der die Wirtschaft kein Interesse hat) und Lehre
würden getrennt, die Unis erhielten pro Studenten einen Fixbetrag.
Über ein derartiges Konzept wird schon lange geredet, Karl will ein
Modell erarbeiten.
Die Gefahr, dass daraus nichts wird, ist groß. Denn ein transparentes
Budget kann für beide Seiten schmerzhaft sein. Die Regierung hätte
schwarz auf weiß, dass die Zahl an Absolventen, die wir brauchen, mit
derzeitigen Mitteln nicht zu erreichen ist. Sie müsste zugeben, dass
der Sektor unterfinanziert ist und Zugangsbeschränkungen nur bei
gleichzeitigem Ausbau der Plätze sinnvoll sind. Auch die Euphorie der
Unis, die das Konzept befürworten, könnte rasch verfliegen. Sie
könnten endlich angehalten werden, Strukturen umzubauen und das Geld,
das sie erhalten, tatsächlich zweckgebunden für eine bessere Lehre
einzusetzen.
Unpopulär ist das Thema Studienplatzfinanzierung auch deshalb, weil
es so komplex ist. Wählerstimmen lassen sich damit wohl nicht
gewinnen. Einfache Lösungen, und das muss auch die Politik begreifen,
wird es aber nicht geben.
Rückfragehinweis:
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