- 05.07.2010, 16:05:12
- /
- OTS0178 OTW0178
"KURIER"-Kommentar von Josef Votzi: "Elite-Auswahl per Armin Assinger-Quiz"
Der Dauer-Notstand an den Unis und Schulen ist lebensgefährlich fürs ganze Land.
Wien (OTS) - Erinnern Sie sich noch? Vergangenen Herbst war das
sperrige Thema Bildung in aller Munde. Studentenproteste sorgten für
Debatten über das Chaos an den Unis. Was ist seither passiert? Im
Wissenschaftsministerium schlägt sich eine neue Chefin mit den alten
Problemen herum. An den total überlaufenen Unis herrschen
"unmenschliche Zustände", sagt der Rektor der Wiener Wirtschaftsuni,
Christoph Badelt. Der Ex-Rektorenchef erwartet für Herbst mehr als
7000 Studienanfänger. Personell und räumlich verkraftet die Uni nur
1300 Erstsemestrige. Mehr Geld aus dem Wissenschaftsbudget ist nicht
in Sicht. Auch zum Wunsch, den "Notfallparagrafen" zu aktivieren, der
Platzbeschränkungen erlaubt, sagte die Regierung Nein (siehe Bericht
Seite 4).
Jetzt zieht Badelt die Notbremse und ändert im Schnellverfahren
die Studienpläne. Jeder Anfänger muss vier Prüfungshürden
überspringen, bevor er weitermachen darf. Unausgesproches Ziel:
Rausprüfen, bis der knappe Platz für die "Überlebenden" reicht.
Weil es bei 7000 Neuanfängern gar nicht anders geht, erwartet sie
im Herbst vor dem "Gaudeamus igitur" eine Reihe von
Multiple-Choice-Tests. Eine Art Armin-Assinger-Quiz für Akademiker:
Wer knackt die Hürde für einen Studienplatz? Badelts
Knock-out-Prüfungen à la "Millionenshow" sind ein verständlicher
Notwehrakt.
Und was tut die Politik? In der Großen Koalition flackert der
Streit um Zugangsbeschränkungen in unregelmäßigen Abständen auf. Die
Lösung? Die ist nach einem Jahrzehnt explodierender Studentenzahlen
noch immer nicht in Sicht. Und zur existenziellen Frage, woher die
fehlenden Milliarden für die maroden Unis herkommen sollen, herrscht
seit dem heißen Studenten-Herbst Funkstille. "In der Politik geht es
viel öfter darum, lieber dem Gegner eins auszuwischen, als eine
Lösung zu finden", sagt Badelt.
Was war das für ein Getöse, als Wissenschaftsministerin Beatrix
Karl Mitte Mai das "Gymnasium für alle bis 14", vulgo Gesamtschule,
forderte. Die Lehrergewerkschaft sah einen "ausgesprochenen Skandal".
Der Skandal ist die Realität in den Schulen. Der erste Schulversuch
zur Gesamtschule in Wien-Liesing wurde in der Aufbruch-Ära Kreisky in
den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts gestartet. Die Pionierschule
haben inzwischen fünf Generationen an Mittelschülern absolviert; sie
ist somit das längstdienende Dauerprovisorium der Schulpolitik,
firmiert aber offiziell immer noch als Schulversuch.
Und was macht die Politik 2010? Frühestens im Herbst werden sich
die ÖVP und danach die Koalition auf eine Linie verständigen. Für
eine neue Schulgeneration beginnt zeitgleich der "Ernst des Lebens" -
ohne ernsthafte Aussicht auf Besserung noch in diesem Schülerleben.
Die Industrie wandert unumkehrbar in Billiglohnländer ab. Die
bestmögliche Ausbildung für die "Wissensgesellschaft" ist die
Existenzgrundlage für die kommenden Generationen. Und damit fürs
ganze Land.
Und was macht die Regierung? Sie zwingt verzweifelte Rektoren zur
Elite-Findung per Armin-Assinger-Quiz.
Rückfragehinweis:
KURIER, Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
mailto:[email protected]
www.kurier.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKU






