- 24.06.2010, 18:26:36
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DER STANDARD - Kommentar: "Obamas Krieg" von Eric Frey
Der US-Präsident hat die Chance vertan, aus dem Afghanistan-Debakel auszusteigen (Ausgabe vom 25.06.2010)
Wien (OTS) - Nach außen hin hat das Krisenmanagement funktioniert.
Kurz nachdem die abschätzigen Aussagen des US-Oberkommandierenden in
Afghanistan, Stanley McChrystal, über die politische Führung im
Rolling Stone Magazine erschienen waren, zitierte ihn Präsident
Barack Obama zu sich, feuerte ihn und ersetzte ihn durch jenen Mann,
der dank seiner Erfolge bei der Stabilisierung des Irak als
Hoffnungsträger der amerikanischen Militärmacht gilt: David Petraeus.
Obama hat mit einem Schlag das Primat der Politik gegenüber dem
Militär wieder hergestellt. Der Krieg in Afghanistan kann ungehindert
weitergehen.
Aber bei McChrystals Rausschmiss geht es um mehr als um die
Disziplinierung eines Offiziers, der seinen Mund gegenüber einem
Journalisten nicht halten konnte. Seine bissige Kritik hat die tiefe
Verunsicherung in den USA über ihren Afghanistan-Einsatz
offengelegt. Mit seiner raschen Reaktion hat Obama seine eigene
Zukunft fest mit einem Feldzug verknüpft, an dessen positiven Ausgang
fast niemand mehr glaubt.
Obama ist kein Kriegstreiber, aber so wie die große Mehrheit seiner
Landsleute glaubt er daran, dass Militäreinsätze manchmal notwendig
sind. "Ich bin nicht gegen Krieg, ich bin gegen einen dummen Krieg",
erklärte der damalige Provinzpolitiker 2002 vor dem US-Angriff auf
den Irak. Für ihn und andere Demokraten war Afghanistan stets der
"gute Krieg", den George W. Bush hätte zu Ende bringen müssen. Mit
seinem Fokus auf diesen Einsatz löst er ein Wahlversprechen ein und
schützt sich gleichzeitig vor Attacken der Republikaner, er sei nicht
Manns genug, um die Heimat vor Feinden zu schützen.
Nach Amtsantritt überprüfte Obama monatelang die Strategie, entschied
sich aber dann für den von Petraeus empfohlenen Kurs: die Aufstockung
der US-Truppen und eine Militärstrategie, die dem Taliban-Aufstand
das Wasser abgraben soll.
Nun wird Petraeus selbst für den Kriegsverlauf in Afghanistan
verantwortlich. Doch ob er dort einen Erfolg wie im Irak landen kann,
ist unsicherer denn je. Die Taliban sind im Vormarsch, die Regierung
Karzai korrupt, verhasst und nach dem gestohlenen Wahlsieg ohne
Legitimität. Auch der Sinn des Krieges wird immer weniger klar.
Al-Kaida hat längst andere Basen gefunden, die Taliban haben sich
längst im benachbarten Pakistan eingenistet. Der US-Einsatz trägt
nichts zur Stabilisierung der zerfallenden Atommacht bei - im
Gegenteil.
Obama erinnert bereits ein wenig an einen anderen Demokraten im
Weißen Haus. Lyndon B. Johnson eskalierte 1965 den Vietnamkrieg, weil
er glaubte, nur so seine ehrgeizigen innenpolitischen Reformen
durchbringen zu können. Auch er hörte auf Berater, deren Autorität
nicht infrage gestellt wurde - bis sich das ganze Ausmaß des
Vietnam-Debakels offenbarte - und Johnsons Karriere beendete.
Afghanistan ist (noch) kein Vietnam, und ein überstürzter US-Rückzug
würde das Land und die Region Amerikas wohl ärgsten Feinden
überlassen. Deshalb wird Obama auch sein Versprechen, 2011 mit dem
Truppenabzug zu beginnen, kaum einlösen können. Verbündete wird er
dann für seinen Krieg nicht mehr haben.
Die McChrystal-Affäre war Obamas letzte Chance, die Reißleine zu
ziehen. Stattdessen hat er den Einsatz verdoppelt und Afghanistan
endgültig zu seinem Krieg gemacht - eine düstere Aussicht für einen
Mann, der ganz anderes für sein Land geplant hatte.
Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445
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