• 15.06.2010, 18:30:34
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"Die Presse" Leitartikel: Der große Coup in der Nationalbibliothek, von Norbert Mayer

Ausgabe vom 16.06.2010

Wien (OTS) - Google zahlt 30 Millionen Euro für die
Digitalisierung des österreichischen Bücherschatzes. Ein Sieg für
Online.

Seit einigen Wochen fürchten sich Bürger, die sensibel für den
Datenschutz sind: Google fährt unermüdlich durch alle Straßen und
schaut in unsere Schlafzimmer. Wird man bald online sehen können, was
der Nachbar so treibt oder gar besitzt? Jetzt sind diese mathematisch
begabten Neureichen aus Mountain View, Kalifornien, mit ihrem
universalen Sendungsbewusstsein auch noch in ein richtiges Heiligtum
der Bibliophilen eingedrungen - mitten am Tag, in die Österreichische
Nationalbibliothek. Von dort werden sie im Laufe der nächsten sechs
Jahre 400.000 Bücher ausleihen, nach Bayern exportieren, in eine
gefinkelte Maschine stecken und digital kopieren.
Ja, dürfen s' denn des? Aber ja, alles legal! ÖNB-Generaldirektorin
Johanna Rachinger ist sogar sehr zufrieden. Dieser Coup in der
Nationalbibliothek erspart ihr 30 Millionen Euro, bringt sie in die
digitale Avantgarde und schafft den Lesern und Wissenschaftlern
weltweit wesentlich erleichterte Lese- und Arbeitsbedingungen. Was
früher in den besten Bibliotheken physisch mühsam zusammengeklaubt
werden musste oder gar nicht zur Verfügung gestellt wurde, ist jetzt
nur einen Mausklick entfernt. Das wird die Forschung beschleunigen,
ein neues Licht auf den Bestand der besten Häuser werfen und die
Lesesäle entlasten. Wer noch mithilfe von Zettelkästen ergründen
musste, was Weltbewegendes über "Das Insekt bei Goethe" geschrieben
wurde, wer wissen wollte, ob Schopenhauer Hegel erwähnt hat und in
welchem Kontext oder warum auch nicht, weiß: Es kommen goldene Zeiten
für die Philologie.

Die von Google massiv geförderte Digitalisierung wird aber auch die
Schattenseite von Copy & Paste stärken. Abschreiben und Raubdrucken
ist ebenfalls nur einen Mausklick entfernt. Womit wir bei der
Kosten-Nutzen-Rechnung sind. Warum macht Google das? Aus
Menschenfreundlichkeit? Weil Mitgründer Larry Page vor einem von ihm
gebauten Scanner die Idee kam, "alle Bücher der Welt" dort
einzulesen? Was hat das Milliardenunternehmen sonst noch davon?
Nun, vor allem ziemlich viele Informationen: über unsere Interessen,
unsere Vorlieben, unsere Ausdauer beim Lesen, unsere Gewohnheiten.
Jemand mit der IP-Adresse von Computer X borgt sich zehn Bücher über
die Toskana aus, berechnet in Google Maps die Route von Meidling bis
Lucca, googelt teure Weinbars - vielleicht sollten wir ihm ein
Angebot über eine Kiste Chianti zusenden?
Das mag weit entfernt sein vom allgemeinen Nutzen der Digitalisierung
einer öffentlichen Bibliothek, noch dazu, wenn es um längst
abgelaufene Rechte geht, aber gerade bei der Verknüpfung von
öffentlichem Gut und privaten Interessen muss man doch auch die Frage
stellen, wem diese Daten, wem dieses Wissen letztendlich gehören
wird. Google hatte aufsehenerregende Klagen wegen des Urheberrechts,
man hat sich verglichen, die Verteilungskämpfe über Vergütungen
werden aber sicher fortgesetzt. In den USA und Großbritannien
verweigern weiterhin tausende Autoren die Einigung.

Die Verantwortlichen in der Nationalbibliothek sind aber vernünftig
vorgegangen, lassen einstweilen nur Werke digitalisieren, die vor
1850 erschienen sind. Das Datum liegt weit genug vor dem derzeitigen
Urheberrecht, das 70 Jahre nach dem Tod des Autors erlischt. Eine
Klage, weil die Bibliothek Google ihre Depots zugänglich gemacht hat,
ist also nicht zu erwarten. Deshalb befinden sich sowohl die weltweit
renommierte österreichische Kulturinstitution als auch der
Weltkonzern aus den USA in einer Win-win-Situation. Unverkrampft kann
man in den nächsten Jahren üben, was die Vorzüge des Internets
bringen - zumindest einen Sieg für Online.

Wer weiterhin skeptisch ist, was Google mit den Daten vorhat, kann
sich mit einfachen Vorkehrungen am PC schützen. Die Gefahr, bei der
Lektüre der Briefe von Prinz Eugen ausspioniert zu werden, ist
geringer als jene, wenn man exzessiv googelt, um zu erfahren, was ein
"Laufhaus" sei, und ob es dazu auch Videos gibt. Wer aber unbehelligt
von amerikanischen Wissensmissionaren revolutionäre Literatur aus dem
wilden 18. oder dem skrupellosen 19. Jahrhundert lesen will, kann die
Homepage von Google umgehen und dafür die Digitale Bibliothek der
Österreichischen Nationalbibliothek benutzen. Dort wird man zwar
anonym bedient und nicht so freundlich wie im Lesesaal in der
Hofburg, aber alles bleibt diskret, und der Benutzer wird auch weder
für Eselsohren noch für Markierungen im Text zur Rechenschaft
gezogen.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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