- 31.05.2010, 18:12:39
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Israel hat ein Recht, gehört zu werden"
Ausgabe vom 1. Juni 2010
Wien (OTS) - Die Todesopfer bei der Kaperung des Flaggschiffs der
Gaza-Hilfsflotte sind für Israel ein Desaster. Der weltweite
Aufschrei über das brutale Vorgehen übertönt jene Stimmen, die
ernsthaft fragen, was auf dem türkischen Passagierschiff "Marmara" in
der Nacht zum Montag tatsächlich passiert ist. Israelische Soldaten
erzählen, dass sie bewaffneten und organisierten Gruppen
gegenübergestanden sind. "Die waren alles Mögliche, nur keine
Friedensaktivisten", sagte einer, der dabei war.
Dass die Situation auf dem Schiff außer Kontrolle geriet, ist für die
Friedensbemühungen im Nahen Osten eine Katastrophe. Für Israel ist es
außenpolitisch ein Desaster, weil das Land nun einen wichtigen
Bündnispartner in der Region verliert, die Türkei. Arabische Länder
sprechen im ersten Zorn gar von Krieg. Und Premier Netanyahu spielte
oft die unsympathische Rolle des Unnachgiebigen.
Doch Israel hat ein Recht auf Selbstverteidigung, und die im
Gaza-Streifen regierende Hamas anerkennt seine Existenz nicht. Waffen
auf einem Schiff, das offiziell Hilfsgüter in den (gesperrten) Hafen
von Gaza bringen will? Das geht ja wohl auch nicht.
Die israelische Regierung wird einer - von der EU und den USA
geforderten - Untersuchungskommission zustimmen müssen. Nur so lässt
sich glaubwürdig dokumentieren, was passiert ist. Den Kampf um die
öffentliche Meinung haben die Israelis vermutlich verloren. Jetzt
geht es darum, sie auf die politische Bühne zurückzubringen.
Die Untersuchung sollte so rasch wie möglich über die Bühne gehen,
denn die Eskalation der Worte im Nahen Osten ist beunruhigend. Alle
wissen, was passieren wird: Die Attentate auf Israel werden noch
häufiger, die Grenzen - vor allem in die Palästinenser-Gebiete - noch
dichter gemacht.
Wenn jemand die Entspannung im Nahen Osten torpedieren wollte, hätte
er kein anderes Szenario herbeigeführt als das jetzige. Es entspricht
nicht ihrem Stil, und es ist vielleicht nicht gerecht, aber nun muss
Israels Regierung besonnen agieren. Sonst wird die Gewalt auf der
"Marmara" der Todesstoß für die Nahost-Friedensbemühungen sein. Und
noch mehr Menschen werden sterben.
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