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Die Presse - Leitartikel: Abgestumpft im Alltagssumpf, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 22.05.2010

Wien (OTS) - Das große Krisengetöse übertönt das leise Knirschen
im Gebälk der Institutionen und Strukturen der Republik.

Früher hätte einen so etwas in höchste Alarmbereitschaft versetzt:
Französische Politiker und Diplomaten reden derzeit nicht wirklich
gut über ihr deutsches Gegenüber. Kleingeistige Buchhalter seien sie,
die keinen Sinn für das Große und Ganze, keine Vision für Europa
hätten und sich deswegen als Hauptbremse auf dem Weg aus der Krise
erwiesen. Umgekehrt fühlen sich die Deutschen über den Tisch gezogen,
sie haben das Gefühl, dass sie wieder einmal zahlen müssen, während
die anderen - und eben vor allem die Franzosen, die sich ihr
Griechenland-Bankenrettungspaket von den Nachbarn zahlen lassen - die
großen Reden schwingen.
Vermutlich war der Zusammenhalt der EU noch nie so stark gefährdet
wie dieser Tage, aber man gewinnt nicht den Eindruck, dass das die
Menschen besonders aufregt. Ist halt so, und wenn man nicht zu viel
Zeitung liest, weiß man es eh nicht.
Das Phänomen, dass eine schwere Krise - und die gegenwärtige erlebt
schon ihr drittes Jahr - zu Abstumpfungsreaktionen führt, ist auch im
historischen Vergleich ganz gut belegbar. Die Billionen- und
Milliardensummen, mit denen da in der öffentlichen Auseinandersetzung
jongliert wird, sind so weit außerhalb des Vorstellungsvermögens des
einzelnen Bürgers, dass sich irgendwann zwangsläufig so etwas wie ein
Unwirklichkeitsvorbehalt einstellt. Es handelt sich dabei in erster
Linie um einen Selbstschutzmechanismus: Würde man täglich versuchen
zu verstehen, was das alles wirklich bedeutet und bedeuten kann,
hätte man keine ruhige Sekunde mehr.

Das große Hintergrunddröhnen der Krise führt naturgemäß dazu, dass
andere schrille Töne wie sanfte Melodien der Normalität aufgenommen
werden. Die katholische Kirche ist mit einiger Sicherheit eine der
Profiteurinnen dieser Entwicklung: Wären die Fälle sexuellen
Missbrauchs und des teilweise inakzeptablen Umgangs der offiziellen
Stellen damit nicht in der Krise passiert, wäre der Sturm bei Weitem
nicht so schnell abgeebbt.
Auch im kleinen Österreich fehlt es nicht an Beispielen dafür, dass
das große Krisengetöse das Knirschen im Gebälk der Institutionen und
Strukturen übertönt: Die Schul- und Bildungsdiskussion ließe sich
unter anderen Rahmenbedingungen nicht so leicht abwürgen, wie das
derzeit der Fall ist, die Entwicklung bei den Österreichischen
Bundesbahnen, die seit Jahrzehnten ein Griechenland im Kleinen sind,
müsste längst zu öffentlichen Aufständen führen. Dass sich die
nächste Große Koalition, die angetreten ist, die großen
Strukturreformen für das Land in Angriff zu nehmen, nicht einmal
traut, über eine Reform des Föderalismus überhaupt zu sprechen,
müsste ein Dauerthema sein.
Am schlimmsten freilich steht es um die Medien selbst. Was im
Netzwerk zwischen dem Bundeskanzleramt, dem Wiener Rathaus, der
Familie Dichand und den Gebrüdern Fellner an Millionenbeträgen
verschoben wird, ist eigentlich atemberaubend. Aber es gehört
inzwischen zur Realität, und angesichts der Aussicht auf den
Totalzusammenbruch der europäischen Wirtschaft ist es auch wieder
nicht so schlimm, oder?
Über Pfingsten, hört man, verhandelt die Raiffeisengruppe, der zweite
große Spieler in diesem Spiel der Abhängigkeiten und Gefälligkeiten,
mit der deutschen WAZ über den Rückkauf der Anteile am "Kurier" und
an der "Kronen Zeitung". Sollte stimmen, was die Gerüchte sagen, dass
dann Raiffeisen 100 Prozent am "Kurier" und eine Sperrminorität an
der "Kronen Zeitung" hätte, träte eine Situation ein, die in jeder
entwickelten Demokratie nördlich der Sahara unhaltbar wäre.

No na, sagen an diesem Punkt viele, und was ist mit der Medienmacht
des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi? Besser ließe
sich das oben beschriebene Phänomen nicht dokumentieren: Wir sind
inzwischen so weit, dass wir ein System, das auch nicht viel ärger
wäre als jenes, für das Silvio Berlusconi steht, für kein wirkliches
Problem halten.
Da könnte man doch gleich einen Schritt weiter gehen und eine Lanze
für den alten Italiener brechen: Im Unterschied zu Dichand und Konrad
regiert Berlusconi immerhin selbst.
Das gesellschaftliche Radarsystem ist ganz auf die großen
Krisenbomber ausgerichtet und übersieht zusehends die kleinen
Provinzialitäts- und Schamlosigkeitsjets, mit denen darunter
permanent der Luftraum des Zumutbaren verletzt wird.

Rückfragehinweis:
[email protected]

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