- 21.05.2010, 17:04:22
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Faculty Modell: Vorsicht vor Etikettenschwindel
Offener Brief an Frau BM Dr. Beatrix Karl
Wien (OTS) -
Sehr geehrte Frau Bundesministerin Karl,
Der UniversitätsprofessorenInnenverband begrüßt sämtliche
Maßnahmen, die die Rahmenbedingungen für Forschung und Lehre an
österreichischen Universitäten verbessern und somit zu einer
Sicherung bzw. Steigerung der Qualität beitragen.
Es ist noch offen bis fraglich, ob das von Ihnen andiskutierte
Faculty Modell österreichischer Prägung ein solcher Beitrag wäre.
Jedenfalls verfehlt und unheilvoll wäre es, beim "Faculty-Modell"
einem billigen Fehlschluss aufzusitzen, der auf der scheinbaren
Gleichheit von Begriffen aufbaut. Die Forderung nach einem
Faculty-Modell auch in Österreich wird regelmäßig damit unterstützt,
dass es auch in den USA ein Faculty-Modell gäbe und US-Universitäten
seien doch bekanntlich sehr erfolgreich. Allerdings meinen die österr
Proponenten etwas ganz anderes als das US-Modell. Sie meinen eine
gemeinsame, organisationsrechtlich völlig gleichgestellte Gruppe
aller wissenschaftlichen Universitätsbediensteten, die von den
Nichthabilitierten, deren Vertrag eben erst entfristet wurde, bis zu
Professoren, die sich in einem oder mehreren Berufungsverfahren
durchsetzen konnten, alle umfasst.
Ein solches "Einheitsmodell" gibt es aber in den USA keineswegs,
insbesondere nicht an jenen Universitäten, die Vorbild sein könnten.
Führende US Universitäten sind vielmehr extrem kompetitiv und
leistungsorientiert. Schon daher gibt es dort keine einheitliche
Faculty! Vielmehr werden meist drei Gruppen unterschieden, mit
jeweils unterschiedlichen Rechten und Pflichten:
"Regular Faculty" (Full Professors) und "Junior Faculty". Leztere
sind Lehrende auf Tenure-Track-Stellen, mit Aussicht auf Übernahme in
unbefristete Professorenstellen bei strengster internationaler
Kompetition und Evaluierung, wobei durchgehende Karrieren an der
gleichen Universität in der Regel unmöglich sind. Dies ist durchaus
mit einem guten Berufungsverfahren vergleichbar. Die dritte Gruppe
sind "Part - Time" bzw. "Temporary Faculty". Das sind Lehrende mit
befristeten Verträgen, ohne "Tenure-Track" und ohne Übernahme in
unbefristete Professuren.
Die Mitglieder dieser Gruppierungen heißen zwar alle "Faculty",
haben aber keinesfalls die gleiche Stellung und Rechte in der
Organisation, vor allem ist es nicht möglich Entscheidungen zu
beeinflussen, die über die eigene Ebene hinausgehen.
Man sollte Schlüsse nicht allein auf irreführenden Begriffsbildungen
und -vertauschungen aufbauen. Solche Missverständnisse bei
Übertragung von US-Regelungen gab es ja bereits bei Bachelor und
Master. Manche meinten, dieselbe Bezeichnung bedeute schon den
gleichen Inhalt. Der "Bologna-Bachelor" hat mit den in den USA
vergebenen Bachelor- Abschlüssen für "Liberal Arts"-Studien aber
inhaltlich fast nichts zu tun, sodass von einer Übertragung oder
Kompatibilität keine Rede sein kann. Schon hier traf der Schluss, der
allein auf Bezeichnungsgleicheit ohne wirkliche Begriffsgleicheit
aufbaute, natürlich nicht zu. Die Proteste gegen den Bologna-Bachelor
in den letzten Monaten deuten darauf hin, dass das Europäische
Modell, respektive die Umsetzung in Österreich und Deutschland,
zumindest bisher nicht zu der verheißenen, bislang aber nicht
wahrnehmbaren Qualitätssteigerung geführt hat.
Wir können nur hoffen, dass bei den Faculty-Modellen nicht
dieselben Fehlschlüsse passieren. Sonst ist zu befürchten, dass der
"Patient Universität" bei gleichzeitiger Kürzung des bereits jetzt
katastrophal niedrigen Universitätsbudgets in ein Koma fällt, aus dem
er nur mehr schwer zu erwecken sein wird. Dies wäre für die Zukunft
Österreichs eine schwere Bedrohung.
Anstatt Nebenschauplätze aufzumachen wäre es vordringlich die
wirklichen Probleme der Universitäten glaubhaft anzugehen, wie
Finanzierung und Zugangsregulierung.
Verband der Österreichischen Professorinnen und Professoren
Mitchel Ash*, Karl Crailsheim, Bernhard Keppler, Renee Laurer,
Norbert Mauser, Robert Rebhahn, Christiane Spiel, Michael Wagner,
Wolfgang Zach
*ist US-Amerikaner mit langjähriger Erfahrung im dortigen
Hochschulsystem
Rückfragehinweis:
Bernhard Keppler, Vorsitzender UPV
Tel: +43 1 4277 52602
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