- 11.04.2010, 18:19:17
- /
- OTS0053 OTW0053
DER STANDARD-Kommentar "Kein Ende der Euro-Krise" von Eric Frey
Griechenland bleibt trotz europäischer Milliardenhilfe auf der Intensivstation
Wien (OTS) - Seit Monaten versuchen die Eurostaaten, allein mit
der Kraft der Worte, die Griechen vor dem Finanzkollaps zu bewahren.
Allgemein gehaltene Hilfszusagen, so die Überlegung, könnten die
Finanzmärkte so weit beruhigen, dass sich Griechenland über den
Verkauf von Anleihen refinanzieren kann, ohne die Unterstützung der
Partnerstaaten tatsächlich in Anspruch nehmen zu müssen.
Dieses Experiment in psychologischer Krisentherapie ist gescheitert;
die Märkte ließen sich nicht täuschen. Solange die Europartner kein
Geld auf den Tisch legen, werden die Anleger für griechische
Staatspapiere so hohe Risikoaufschläge verlangen, dass die Athener
Regierung immer tiefer ins Schuldenloch rutscht. Und weil die
Griechen selbst die Dramatik der Situation begreifen, begannen sie in
der Vorwoche, in Panik ihre Ersparnisse aus den Banken abzuziehen.
Deshalb sind die nunmehr vereinbarten Notkredite der Europartner von
bis zu 30 Milliarden Euro nicht nur eine geladene Pistole, die man
gegebenenfalls gegen Spekulanten einsetzt, wie der griechische
Premier Giorgos Papandreou behauptet, sondern eine lebensnotwendige
Bluttransfusion, ohne die Griechenland verbluten würde. Sie werden
nicht nur bereitgestellt, sie werden bald fließen müssen.
Aber selbst dann bleibt Griechenland auf der Intensivstation. Immer
mehr Experten sind überzeugt, dass das Land selbst bei einem noch so
brutalen Sparkurs seinen Schuldenberg nicht abtragen kann und deshalb
eine als Umschuldung kaschierte Insolvenz unvermeidbar ist. Mit oder
ohne ausländische Hilfe bleiben griechische Staatsanleihen höchst
giftige Papiere.
Wer in dieser Situation Spekulanten die Schuld an der Misere zuweist,
der verkennt die Wurzel des Übels: Durch ihre Budgettricks und
Defizitlügen haben alle griechischen Regierungen des vergangenen
Jahrzehnts - Konservative wie Sozialisten - das Vertrauen der Märkte
verspielt. Das lässt sich nicht so schnell reparieren.
Nicht nur Griechenland, auch Deutschland hat sich in den vergangenen
Wochen verspekuliert. Die Skepsis von Kanzlerin Angela Merkel
gegenüber Notkrediten für Griechenland hatte ihre Berechtigung -
schließlich ist in den EU-Verträgen ein solches Bail-out dezidiert
untersagt. Aber Merkel konnte nie den Eindruck verwischen, dass sie
damit nicht das Prinzip finanzieller Eigenverantwortung, sondern das
Geld ihrer Wähler und ihre eigene Popularität verteidigt. Durch
nationalistische Anklänge untergrub Merkel ihre eigene
Glaubwürdigkeit als Europäerin sowie die deutsche
Verhandlungsposition; am Ende musste Berlin doch kräftige
Subventionen für Athen akzeptieren.
Solange die Panik nicht auf andere Eurostaaten wie Spanien und
Portugal überspringt, wird die Griechen-Krise den Euro nicht
gefährden. Aber das Hilfspaket tut auch nichts, um die Kernfragen zu
beantworten, die seit der Geburt des Euro im Raum stehen. Ist die
Währungsunion eine echte Solidargemeinschaft, dann müssen die
Mitgliedstaaten viel mehr wirtschaftliche Souveränität aufgeben, als
sie bisher bereit waren. Ist sie ein reines monetäres Zweckbündnis,
dann muss die Griechenland-Rettung ein Einzelfall bleiben und darf
nicht zum Modell für andere Schuldnerstaaten werden.
Der pragmatische Mittelweg, der nun begangen wird, ist besser als die
meisten Alternativen. Aber weder für Griechenland noch für die
Eurozone ist damit ein Ende der Krise in Sicht.
Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PST






