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"Die Presse" Leitartikel: Staatsoper: Ein Sieg der Besonnenheit, von Wilhelm Sinkovicz
Ausgabe vom 24.03.2010
Wien (OTS) - Der künftige Staatsoperndirektor ist ein leiser Mann.
So ging denn seine erste Bombe geradezu sanft hoch.
Es war eine Bombe, die Dienstag zur Mittagsstunde im Haus am Ring
detonierte. Dominique Meyer, ab September Ioan Holenders Nachfolger,
präsentierte seinen ersten Spielplan und verkündete ganz ohne
Sforzato, dass sich in einer nächtlichen Sitzung wenige Stunden zuvor
die Betriebsräte des Staatsopernorchesters und die künftige Direktion
auf den Wortlaut eines neuen Kollektivvertrages geeinigt hätten.
Wenn man weiß, wie lange um diesen Vertrag gekämpft worden ist, und
wenn man hört, dass das Staatsopernorchester künftig nicht 90,
sondern 110 Probendienste spro Saison absolvieren wird, dann kann man
ermessen, was diese Nachricht bedeutet. Die Staatsoper verdankt ihren
internationalen Ruf ja nicht zuletzt der Qualität des Orchesters, das
in seiner Freizeit unter dem Namen Wiener Philharmoniker konzertiert
und getrost der erste Kulturbotschafter Österreichs genannt werden
darf.
Franz Welser-Möst, designierter Generalmusikdirektor des Hauses,
betonte im Rahmen der Einstandspressekonferenz des neuen Teams, dass
es nicht immer leicht sei, die eminente Bedeutung der künstlerischen
Leistungen, die an der Staatsoper erbracht werden, auch im
Bewusstsein der heimischen Kulturpolitik zu verankern. Es stimmt: Was
nach außen hin zu den wenigen sicheren Trümpfen des Österreich-Images
gehört, gilt innenpolitisch erfahrungsgemäß eher als teures Erbstück.
Umso höher ist die Verhandlungsleistung zu veranschlagen, die das
Orchester als wichtigsten Qualitätsfaktor wieder fester im Haus
verankert. Es ist nicht lange her, dass unter jüngeren Mitgliedern
der Philharmoniker die Meinung geherrscht hat, der tägliche "Dienst"
im Opernhaus sei lästig, man könne sich angesichts ständig steigender
internationaler Verpflichtungen als Konzertorchester durchaus auch
selbstständig machen.
Das wäre für die Wiener Oper ein schwerer Schlag gewesen, auf lange
Sicht aber auch für die Philharmoniker nicht zuträglich, denn die von
manchen ungeliebte tägliche Opernaufführung war und ist nicht nur
"Dienstverpflichtung", sondern wohl auch ein unschätzbares
"Trainingslager", wenn man ein solches Wort im künstlerischen Bereich
gebrauchen darf.
Franz Welser-Möst hat recht, wenn er sagt: Die philharmonische
Orchesterbasis sei die Grundlage für die weltweit anerkannte Qualität
der Wiener Staatsoper. Doch gilt auch das Umgekehrte: Die
Philharmoniker hätten nicht ihren unvergleichlichen Klang kultiviert,
sie würden nicht über ihr sagenhaftes Reaktionsvermögen verfügen,
wären sie nicht tagtäglich in der Oper den Imponderabilien des
Repertoirebetriebs ausgesetzt.
Die Harmonie zwischen Können, exzellenter Vorbereitung und
Improvisationsgabe, die sich auf diese Weise im besten Fall
einstellt, ist die Stärke des Hauses. Sie würde abnehmen, wenn man
versuchte, das anderswo gepflegte Stagione-System anzunehmen, also
nicht mehr über 40 verschiedene Werke pro Jahr anzubieten. Das
Verfügen über die Vielfalt - heute Rossini, morgen Wagner, übermorgen
Alban Berg - gehört zu besagtem "Trainingsprogramm". Nur dieses
ermöglicht Spitzenleistungen. Festspielreife sprießt aus solchem
Humus - in der Oper zumindest an Feiertagen.
Am sichersten erreicht man sie, wenn zwischendurch auch
Weltklassedirigenten am Pult erscheinen. Einer steht mit dem
designierten Generalmusikdirektor jetzt immerhin für 35 Abende zur
Verfügung. Andere sind zumindest für die kommenden Spielzeiten
avisiert. Dass im ersten Jahr der neuen Direktion sonst kaum
glamouröse Dirigentennamen zu finden sind, hat - Dominique Meyer hat
das gleich dazugesagt - mit der verhältnismäßig knappen
Vorbereitungszeit zu tun. Die Bestellung der Holender-Nachfolger
erfolgte zu einem Zeitpunkt, da Künstler vom Format eines Riccardo
Muti oder Christian Thielemann für das Jahr 2011 bereits ausgebucht
waren. Die beiden Genannten sind zumindest im Verdi- und
Wagner-Doppeljahr 2013 dann aber mit von der Partie.
Weitere entsprechende Engagements zu tätigen, hilft die jüngste
Vereinbarung mit den Philharmonikern gewiss: Stars verlangen
Probenarbeit. Im Übrigen liegt jetzt ein solider Staatsopernspielplan
für die kommende Spielzeit vor, und die Belegschaft des Hauses wie
auch die zahlreichen Journalisten, die zur Präsentation gekommen
sind, haben zur Kenntnis genommen, dass die Staatsoper demnächst von
einem Direktor geführt wird, der wirklich bedeutende Dinge in
ungewohnter Ruhe zu verkünden imstande ist.
Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
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