- 21.03.2010, 18:23:49
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DER STANDARD-Kommentar "Tiefere Konsequenzen fehlen" von Alexandra Föderl-Schmid
"Der Papst verweigert eine Entschuldigung und sieht keine Verantwortung des Vatikan" - Ausgabe 22.3.2010
Wien (OTS) - Papst Benedikt XVI. hat sich endlich zu den
Missbrauchsfällen geäußert. Er hat einiges klar gestellt, war aber
nicht klar genug - und hat in seinem Hirtenbrief allzu vieles nicht
angesprochen: Zwar hat der Papst "von den Sünden und dem Versagen
einiger Mitglieder der Kirche" geschrieben und geht mit den irischen
Geistlichen scharf ins Gericht: "Ihr habt Schande und Unehre auf Eure
Mitglieder gebracht." Aber damit hat er die Missbrauchsfälle als
begrenztes Phänomen dargestellt und den dortigen Priestern und
Bischöfen die alleinige Schuld zugewiesen.
Die Verantwortung des Vatikans und seine eigene als Chef der
Glaubenskongregation spart Ratzinger aus. Er war in dem Gremium mehr
als 20 Jahre damit befasst, wie mit Missbrauchsfällen umzugehen ist.
So soll es ein von Ratzinger vertretenes Dokument (Crimen
sollicitationis) geben, das eine Schweigeverpflichtung vorsieht -
für das Opfer, den Priester und allfällige Zeugen. Verschweigen und
Vertuschen - und höchstens eine Versetzung des Priesters.
Ein solcher Fall ist nun auch aus Ratzingers Amtszeit als Erzbischof
von München und Freising bekannt geworden. In den 80er Jahren durfte
ein einschlägig vorbelasteter Priester wieder Gemeindearbeit machen,
verging sich erneut an Jugendlichen und wurde dann gerichtlich
verurteilt. Ein Satz des nunmehrigen Papstes hätte gereicht, um
Klarheit zu schaffen.
Unklar ist auch, ob sich das Schreiben des Vatikans auch auf
Deutschland und Österreich bezieht. "Es ist wahr, dass das Problem
des Missbrauchs von Kindern weder ein rein irisches noch ein rein
kirchliches ist", heißt es im Hirtenbrief. Wohl wahr, auch in
nichtkirchlichen Einrichtungen ist es zu Übergriffen gekommen. Damit
wird nur Verantwortung abgeschoben, das macht die Schuld nicht
kleiner. Und wenn der Papst auch eine Botschaft an andere Länder
vermitteln wollte, warum sagt er das nicht deutlich? Der
Papstsprecher meint, es könne noch etwas kommen: sollte er "es für
notwendig halten, so wird sich der Papst auch mit den Problemen in
Deutschland befassen". Wie groß müssen die Probleme in diesen Ländern
werden, bis der Papst dazu Stellung bezieht?
Dass der Papst Fehler im kirchlichen System nicht klar benennt,
sondern den "schnellebigen sozialen Wandel" in Irland dafür
verantwortlich macht, lässt darauf schließen: Er hat nichts
verstanden oder er will nichts verstehen und vor allem keine
Konsequenzen ziehen.
Zwar ist der Aufruf, "unterwerft Euch der Rechtssprechung", ein
erster, wichtiger Schritt. Aber weiterzugehen, eine Anzeigepflicht
und Entschädigungszahlungen zu versprechen oder gar tiefergehende
Ursachen, wie den Zölibat, zu benennen, verweigert Benedikt XVI. Wenn
selbst konservative Politiker und engagierte Katholiken wie Andreas
Khol im Profil nun mit Vehemenz eine Aufhebung des Zölibats fordern,
dann zeigt dies die Dimension der Krise.
Solange sich ihr Oberhaupt nicht klar äußert, wird weiter von den
Verfehlungen der katholischen Kirche die Rede sein. Was fehlt, ist
eine Entschuldigung des Papstes für die Rolle, die die kirchliche
Hierarchie beim Schutz der Täter auf Kosten der Opfer gespielt hat.
Solange die Institution - und als ihr Oberhaupt der Papst - nicht
Verantwortung dafür übernimmt und strukturelle Konsequenzen zieht,
werden sich immer mehr Menschen von dieser Kirche abwenden.
Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445
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