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"Kleine Zeitung, Graz": "Reue muss tätig werden" (Von Hubert Patterer)
Ausgabe vom 21.3.2010
Graz (OTS) - Der Papst spricht von Schande. Das klare Wort
allein kann die Kirche nicht befreien.
Der Vatikan tut sich noch immer schwer, die Dynamik und den Sog
äußerer medialer Wirklichkeit wahrzunehmen und rasch auf sie zu
reagieren. Der gegenwärtige Papst scheint hier besonders gefährdet.
Er hat als Präfekt sehr lange in einem hermetischen Umfeld gewirkt.
Das prägt. Wie schon im Konflikt rund um die Piusbruderschaft gewinnt
man auch diesmal, im Umgang mit den Missbrauchsskandalen, den
Eindruck, dass Rom das Ausmaß der Erschütterung, die die Kirche
erfasst hat, nicht oder spät erkannt hat.
Papst Benedikt hat zwar wohltuend klare Worte für die Täter und die
Schwere der Verbrechen gefunden, auch für das Versagen einzelner
Bischöfe und Äbte (für die Mitschuld Roms am Verschleiern leider
nicht), aber reicht das späte Verurteilen, das Aussprechen von Scham
und Schande aus, um die Dämme, die im Brechen begriffen sind, zu
sichern?
Es geht nicht mehr um das ungeschönte Benennen des Abgründigen, das
im Schutz hierarchischer Strukturen hinter Internats- und
Klostermauern so lange abgedunkelt blieb. Ehrliche Betroffenheit
genügt nicht, um diese Passion, die die Kirche durchlebt, zu
überwinden. Aufrichtiges Entsetzen setzt man voraus, aber daraus
erwächst noch kein Befreiungsschlag, der der Kirche Halt gibt und der
den brüchigen Fels, auf dem sie gebaut ist, festigt.
Um das Ansehen zurückzugewinnen, ist mehr vonnöten. Dem reuigen Wort
muss ein Hinterfragen von Kontinuitäten folgen, von kirchlichen
Strukturen und Haltungen, die nicht den Kern des Glaubens berühren:
Dazu gehört eine Neubestimmung des Verhältnisses der Kirche zur
Sexualität und zu Frauen. Das sind nicht boulevardeske heiße Eisen,
es sind offene Wunden. Es sind auch nicht selbstbewusste
Überzeugungskanten, an denen sich eine gleichgültige Gesellschaft und
der Zeitgeist reiben sollen. Indem sie Frauen vom Weiheamt
ausschließt, unterschreitet die Kirche einen ethischen Grundkonsens
der Gesellschaft: die Gleichstellung von Mann und Frau. Sie wird sich
dieses Zurückbleiben dauerhaft nicht leisten können; nicht vor dem
Hintergrund der monströsen Missbrauchsaffäre: Eine Frau schändet
nicht.
Auch das priesterliche Eheverbot hat keine theologische Verankerung.
Es ist richtig, dass es keine direkte Kausalität zwischen Missbrauch
und verpflichtender Ehelosigkeit gibt. Dennoch würde eine Lockerung
des Zölibats in Richtung Freiwilligkeit die Gefahr pathologischen
Abdriftens mindern.
Wer sich für die Gesellschaft nicht wünscht, dass die Kirche an
diesem GAU zerbricht, muss sich wünschen, dass sie die Kraft
aufbringt, sich diesen Fragen zu öffnen. ****
Rückfragehinweis:
Redaktion, Sekretariat
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