OTS0271 / 19.03.2010 / 18:20 / Channel: Politik / Aussender: Die Presse
Stichworte: Pressestimmen


Die Presse - Leitartikel: Die Kirche wird zum hermetischen System, von Michael Fleischhacker

Utl.: Ausgabe vom 20.03.2010 =


   Wien (OTS) - Missbrauch und Kirchenkrise haben eine gemeinsame
Ursache: Geschlossene Systeme begünstigen Gewalt.
Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass sich die katholische Kirche
in einer der schwersten Krisen seit ihrem Bestehen befindet. Nur ihre
Spitzenrepräsentanten wissen es noch nicht. Naturgemäß, möchte man
sagen: Würden der Papst, die Kurie und der Episkopat über
ausgedehntere Kontakte zur irdischen Wirklichkeit verfügen, wäre die
Krise ja nicht so existenzgefährdend.
Dass der unmittelbare Auslöser für diese Superkrise die Fälle
sexuellen Missbrauchs sind, die derzeit vor allem in Österreich und
Deutschland für immer neue Schlagzeilen sorgen, ist ungerecht. Denn
faktisch lässt sich derzeit nicht sagen, dass es in katholischen
Einrichtungen eine relativ größere Zahl von Missbrauchsfällen gab und
gibt, als in säkularen. Und auch die zum common sense gewordene
Unterstellung, dass Kindesmissbrauch so etwas wie die unausweichliche
Konsequenz aus der verordneten Ehelosigkeit katholischer Priester
sei, kommt über den Status einer Vermutung, besser Unterstellung,
nicht hinaus.
Strukturelle Gewalt, körperlicher und seelischer Missbrauch sind ein
Phänomen geschlossener Systeme. Das erklärt, warum der Missbrauch in
der Hauptsache so sehr ein familiäres Problem ist: Die Familie lässt
sich aufgrund der vorhandenen natürlichen Autoritätsbeziehungen
besonders leicht als geschlossenes System organisieren. Daraus
abzuleiten, dass die "traditionelle Familie" aufgrund des
Missbrauchsrisikos abzulehnen sei, ist genau so Unfug wie die
Behauptung einiger Bischöfe, die "sexuelle Freizügigkeit" der "68er"
hätte dem Missbrauch erst Tür und Tor geöffnet.
Reiner Zufall ist es aber auch nicht, dass der Tsunami der
öffentlichen Ablehnung, dem Rom derzeit ausgesetzt ist, durch das
Missbrauchs-Beben ausgelöst wurde. Kirchliche Erziehungsinstitutionen
sind immer auch Subsysteme des geschlossenen Systems Kirche, was das
Risiko gewissermaßen potenziert. Nicht selten waren die
Priesterzöglinge, die später Erzieher in katholischen Internaten
wurden, selbst schon Opfer der strukturellen Gewalt geschlossener
Erziehungsanstalten. Und auch wenn zölibatär lebende Menschen nicht
automatisch zu Missbrauchszombies werden müssen: Man wird nicht
behaupten können, dass die verpflichtende Ehelosigkeit der Priester
und die Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen gar nichts
miteinander zu tun hätten. Katholische Priester haben, wenn man so
will, ein doppeltes Problem: Erstens müssen sie, um den Gesetzen
ihrer Kirche zu entsprechen, ein sexuell enthaltsames Leben führen.
Zweitens müssen sie es schaffen, trotz der verordneten Verdrängung
des Sexuellen gesunde Menschen zu bleiben. Man wird nicht sagen
können, dass das prinzipiell unmöglich sei. Aber es wird wohl auch
niemand - außer den kirchlichen Verantwortlichen - so naiv sein zu
glauben, dass das eine Übung ist, die mehrheitlich gelingen kann. Wo
Sexualität so sehr dämonisiert wird wie in der katholischen Kirche, 
kann sie wohl nicht anders, als zum Dämon zu werden. Für viele
Priester bedeutet das, früher oder später vor die Wahl gestellt zu
sein: Wortbrüchig oder krank? Viele werden wortbrüchig, viele werden
krank. Unter den Kranken wird die Zahl der potenziellen Täter
besonders groß sein.
Der Schlüssel zum Verständnis des - kirchlichen und außerkirchlichen
- Missbrauchs ist zugleich der Schlüssel zum Verständnis der
gegenwärtigen Großkrise der katholischen Kirche: Es ist die Rede vom
"geschlossenen System". Die Führung der katholischen Kirche ist nicht
mehr dazu in der Lage, die zeitgenössische Gesellschaft zu verstehen
und mit ihr zu kommunizieren. Eine Institution, die nicht willens
oder in der Lage ist, allgemein anerkannten ethischen Standards - von
der Gleichberechtigung der Frau bis zur Respektierung des
individuellen Gewissens - gerecht zu werden, stellt sich in der
öffentlichen Wahrnehmung auf eine Stufe mit Staaten wie China. Eine
Institution, die moralische Ansprüche, die sie mitunter gnadenlos
gegenüber anderen erhebt, selbst nicht einlösen kann, ist unter
zeitgenössischen Bedingungen nicht überlebensfähig.
Viele kirchliche Stellungnahmen zu den Missbrauchsfällen lassen einen
Lernprozess erkennen: Man hat begriffen, dass Vertuschung in Zeiten
totaler Transparenz keine Lösung mehr ist. An der Grundüberzeugung,
dass die Kirche als geschlossenes System mit eigenen Regeln und -
doppelten - Standards zu führen sei, hat sich nichts geändert. Die
Kirche wird immer stärker zu einem hermetischen System. Hermetische
Systeme aber begünstigen Gewalt und neigen zur Selbstzerstörung.
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