Wien (OTS) - In seiner Karfreitags-Meditation vor fünf Jahren
sagte der damalige Präfekt der Glaubenskongregation zu Missständen in
der römisch-katholischen Kirche: "Das verschmutzte Gewand und Gesicht
der Kirche erschüttert uns. Aber wir selber sind es doch, die sie
verschmutzen."
Die Glaubenskongregation besteht seit dem Jahr 1542 und hat die
Aufgabe, "die Glaubens- und Sittenlehre in der ganzen Kirche zu
fördern und zu schützen." Diese Zentralbehörde lenkte von 1981 bis
zur Papstwahl 2005 Josef Ratzinger. Er leitet nun als Benedikt XVI.
die größte Glaubensgemeinschaft der Erde.
Die Kirche ist mit einer riesigen Herausforderung konfrontiert.
Sie hat das Grundvertrauen ungezählter Schützlinge verraten. Die
Gläubigen reagieren mit Scham und Wut auf die Tatsache, dass in
kirchlichen Institutionen über Jahre und Jahrzehnte Priester Kinder
missbraucht haben. Niemand weiß darüber mehr als der heutige Papst.
In der römischen Kongregation, deren Präfekt Ratzinger 24 Jahre war,
werden alle schweren Sexualdelikte von Klerikern aus der ganzen Welt
gesammelt und unter strenger Geheimhaltung behandelt.
Nach dieser Vorgeschichte ist der Erwartungsdruck riesig: Was
verkündet der Papst in seinem Hirtenbrief, der heute veröffentlicht
wird?
Im Vorfeld wurden von Vertrauten Benedikts keine großen Hoffnungen
auf fundamentale neue Einsichten gemacht. Ausgangspunkt sei der
tausendfache Missbrauch von Kindern in der irischen Kirche; dazu war
im Dezember ein Schreiben avisiert worden. Heute will der Papst "den
irischen Katholiken, aber auch allen Episkopaten deutlich die nötigen
Wege weisen, wie die Plage der Pädophilie ausgemerzt werden kann"
(Kardinal Saraiva Martins).
Ein Aufruf zur Reue und die Hoffnung auf Vergebung ist freilich zu
wenig. Den massenhaften Missbrauch von Kindern in Heimen, Schulen,
Chören, Internaten bekämpft man nicht durch wohlgesetzte Reden.
Notwendig ist die Erforschung der Ursachen und Strukturen, die
derlei Ungeheuerlichkeiten ermöglichen. Drängend ist z. B. die Frage
nach dem Zusammenhang zwischen Zölibatsgesetz und Kindesmissbrauch.
Der Theologe Hans Küng hat diese Woche daran erinnert, dass der
Pflichtzölibat keine unverrückbare Glaubenswahrheit ist, sondern
ein Kirchengesetz aus dem 11. Jahrhundert. "Der Zölibat ist nicht
,heilig', nicht einmal ,selig'; er ist eher unselig, insofern er
zahllose gute Kandidaten vom Priestertum ausschließt und Scharen
heiratswilliger Priester aus dem Amt vertrieben hat" (Küng in der
Süddeutschen Zeitung).
Priestertum, Ehelosigkeit, Frauen, Sexualmoral - dazu müsste der
Papst zeitgemäße Antworten geben. Doch wer sich von einem
83-jährigen zölibatären Herrn große Veränderungen erwartet, muss sich
gedulden. Vielleicht schafft es der nächste Papst. "Ein jegliches hat
eine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde"
(Altes Testament, Prediger, Kapitel 3, Vers 1).
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