OTS0106 / 19.03.2010 / 10:56 / Channel: Politik / Aussender: PID Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien
Stichworte: Kommunales / Ludwig / Wien / Wohnbau


Vbgm. StR Ludwig: Präsentation der dreiteiligen Installation "[ transkription ]" beim Thury-Hof

Utl.: Kritische Auseinandersetzung durch Künstlerin Maria Theresia Litschauer mit Skulptur der NS-Zeit =


   Wien (OTS) -    Die Wiener Gemeindebauten sind Symbole der
kommunalen Anstrengung, Wohnraum zu schaffen und die Lebensumstände
unterprivilegierter Bevölkerungsschichten zu verbessern. Heute gelten
sie in ihrer architektonischen Vielfalt als sichtbarer Ausweis des
politischen Wirkens im "Roten Wien". Während der NS-Zeit wurden die
Gemeindebauten im Sinne der herrschenden totalitären Ideologie
vereinnahmt und "umcodiert". Durch Skulpturen, Reliefs und andere
Applikationen an den Fassaden versuchte das Regime den Gebäuden einen
"völkischen Charakter" aufzuprägen.
   Auch an der Außenfront des Thury-Hofes, eines Gemeindebaus im 9.
Bezirk, befindet sich seit Jahrzehnten eine Plastik des Bildhauers
Alfred Crepaz, die vermutlich 1939 dort angebracht wurde und deren
Inschrift die NS-Tugenden Pflicht, Treue und Heroismus beschwört:
"Wir bitten Dich Herrgott, laß uns niemals wankend werden und feige
sein, laß uns niemals die Pflicht vergessen die wir übernommen haben"
.
   Die Signatur von Adolf Hitler, dem Urheber des Zitats, wurde zwar
nach Kriegsende entfernt, die Schrifttafel jedoch blieb bis heute
erhalten. Ebenso die lebensgroße Terrakottafigur eines
kraftstrotzenden Recken mit stolz erhobenem Haupt, dessen Hände ein
Schwert umklammern.
   Die künstlerische Auseinandersetzung von Maria Theresia Litschauer
mit der Präsenz von NS-Ikonographie auf einer städtischen
Wohnhausanlage zielt auf eine historisch-gesellschaftspolitische
Kontextualisierung: Es geht nicht darum, Spuren der Geschichte zu
beseitigen und damit die Erinnerung an die grauenvollste Epoche des
20. Jahrhunderts zu tilgen, sondern durch zusätzliche Informationen
über das Schicksal der jüdischen Opfer und der Vertriebenen aus dem
Thuryhof eine Vorstellung von dem Riss durch die Gesellschaft zu
geben, der auf der mikropolitischen Ebene des alltäglichen
Zusammenlebens erlebt und erlitten wurde. "Die kritische
Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und der Grausamkeit dieses
totalitären Regimes ist heute nach wie vor von besonderer Bedeutung.
Es liegt in unserer Verantwortung, das Bewusstsein an diese
menschenverachtende Epoche unserer Geschichte wach zu halten und
dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Umso
wichtiger ist es mir, dass Erinnerungen an die NS-Zeit nicht getilgt
werden, sondern wir uns kritisch damit auseinandersetzen. Das
erscheint mir gerade jetzt, wo die Schoah, der Massenmord an
Millionen Menschen, noch immer infrage gestellt wird, dringender denn
je", so Wohnbaustadtrat Vizebürgermeister Michael Ludwig überzeugt.
Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny charakterisiert das
Projekt mit den Worten: "In der künstlerischen Auseinandersetzung
konnte ein Weg gefunden werden, sich mit der Vergangenheit unserer
Stadt kritisch auseinanderzusetzen, ohne zu vergessen oder zu
verschweigen". "Nach den `Steinen der Erinnerung? und den `Schlüssel
gegen das Verbrechen? ist diese Installation ein weiteres Mahnmal am
Alsergrund, das sich mit den dunklen Seiten unserer Geschichte
auseinander setzt. - Eine Mahnung, zu der ich mich als Politikerin
und Mensch verpflichtet fühle", so Bezirksvorsteherin Martina Malyar.
Zwtl.: [ transkription ]
   Eine eckige Klammer umschließt Terrakotta-Figur und Inschrift an
der Fassade des Thury-Hofs. Ein Betonband verläuft vom Fuße der
Skulptur 3m über den Vorplatz des Gemeindebaus auf eine Schrifttafel
aus Glas zu, die eine kurze Dokumentation der Geschichte des
Thury-Hofs während der Zeit des Nationalsozialismus, des Schicksals
seiner jüdischen Bewohner sowie eine Interpretation der Skulptur von
Alfred Crepaz trägt. 
   Mittels der drei Elemente Zeichen, Betonband und Schrifttafel wird
der ideologische Hintergrund dieser völkisch konnotierten Statue
ebenso kritisch thematisiert, wie das lesbare Hitler-Zitat aus 1933
bewusst gemacht wird. 
   Die Entfernung des Namens Adolf Hitler 1945 ist eine
Vorgangsweise, die symbolisch für die "Schlussstrich-Tendenz" und die
inhaltlichen Kontinuitäten in der Nachkriegszeit steht. Die
Künstlerin will mit ihrer "[ transkription ]" das Gegenteil
erreichen. Sie will nicht verdecken, sondern zur Reflexion hinführen
sowie die isolierte Interpretation dieser Arbeit aus der
nationalsozialistischen Zeit erweitern und das Schicksal der
vertriebenen und ermordeten jüdischen BewohnerInnen des Thury-Hofes
nach umfangreichen Recherchen in Erinnerung rufen. Damit schafft das
neue Kunstwerk von Maria Theresia Litschauer eine Brücke in die
Gegenwart und zum kommunikativen Gedächtnis der heutigen und
künftigen BewohnerInnen des Thury-Hofes.
Maria Theresia Litschauer lebt und arbeitet in Wien.
Zwtl.: Der Thuryhof
Der Gemeindebau Thury-Hof wurde 1925/26 nach den Plänen von Viktor
Mittag und Karl Hauschka auf dem Grund einer ehemaligen Ziegelei
erbaut. Der Name leitet sich von "Am Thury" ab, der früheren
Bezeichnung des Grätzels und liegt Ecke Marktgasse/Thurygasse im
heutigen 9. Wiener Gemeindebezirk.
Zwtl.: Wettbewerb
Die Installation von Maria Theresia Litschauer ging als 
Siegerprojekt aus einem künstlerischen Wettbewerb hervor, der auf
Initiative von Vizebürgermeister Dr. Michael Ludwig, ausgelobt wurde.
Als Ziel galt es, eine zeitgenössische künstlerische
Auseinandersetzung mit dem bestehenden Relikt der österreichischen
nationalsozialistischen Vergangenheit zu finden. Eine Zerstörung oder
teilweise Veränderung des Reliefs war in der Ausschreibung des
Wettbewerbs bereits dezidiert ausgeschlossen worden. Das Kunstwerk
wurde aus Mitteln der KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien im Jahr
2010 realisiert.
   Das Thema Kunst und Gedächtniskultur, speziell die Förderung von
künstlerischer Auseinandersetzung mit österreichischer Zeitgeschichte
sind wichtige Aspekte von KÖR. Die Art der Auseinandersetzung findet
dabei auf unterschiedlichen Ebenen statt: Als Beispiel sei hier eine
hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion zum Thema erwähnt, die 2009
stattfand, aber auch die unterschiedlichen temporären oder
permanenten installativen Arbeiten wie: 
- Marco Luli?: Mahnmal gegen den Mythos des ersten Opfers;
Mexikoplatz, 1020 Wien
- Julia Schulz: Gedenksymbol Servitengasse. Schlüssel gegen das
Vergessen; Servitengasse, 1090 Wien
- Geladener Wettbewerb für ein Mahnmal in der Turnergasse 22, 1150
Wien, an der Stelle wo bis zur Reichsprogromnacht 1939 eine der
bedeutendste Synagoge Wiens, der "Turner-Tempel", stand.
Ausführliche Infos zu allen Projekten unter: www.koer.or.at
Rückfragehinweis:
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   Christian Kaufmann, Mediensprecher Vbgm. StR Dr. Michael Ludwig
   Tel.: 01/4000-81277
   christian.kaufmann@wien.gv.at
   www.wien.at/vtx/vtx-rk-xlink/
   
   Mag.a Katharina Murschetz
   KÖR Kunst im Öffentlichen Raum
   Tel.: 01/521 89-1217
   E-Mail: presse@koer.or.at
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