OTS0337 / 18.03.2010 / 18:17 / Channel: Politik / Aussender: Wiener Zeitung
Stichworte: Medien / Politik / Pressestimmen / Vorausmeldung


Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Eine Erinnerung"

Utl.: Ausgabe vom 19. März 2010 =


   Wien (OTS) - Statistisch gesehen zählt der Autor dieser Zeilen
wohl zur großen Kategorie der Taufschein-Katholiken, die höchstens
alle paar Monate eine Kirche von innen sehen (touristische
Besichtigungen bei Städtereisen allerdings nicht mitgezählt). Dabei
kann der Glaube an den christlichen Gott in seiner katholischen
Variante durchaus auf eine gewisse Grundsympathie bauen. Man steht
eben nicht gerne vor einem schwarzen, dunklen Nichts am Ende einer
hoffentlich langen Reise durchs Leben. Und seine Sünden kann man
schließlich sogar auch noch beichten.
Inwiefern diese Grundsympathie mit einem achtjährigen Internatsbesuch
einer katholischen Privatschule in Vorarlberg zusammenhängt, getraue
ich mich im Rückblick nicht mehr zu beurteilen. Dieser Umstand klingt
heute weitaus elitärer, als er damals tatsächlich war: Neben Kindern
recht begüterter Eltern fanden auch Schüler aus einfachen
Verhältnissen sowie Problemkids reichlich Aufnahme.
Und natürlich war auch sexueller Missbrauch ein Thema. Einige dieser
Fälle kochen derzeit wieder medial hoch, damals tat man alles, um sie
- und die Täter - unter dem Deckel der größtmöglichen
Verschwiegenheit aus der Welt zu schaffen. Schadensbegrenzung lautete
das Motto, nicht die Aufarbeitung im Sinne der Opfer, wie es heute
der Fall ist. Alle, die davon wussten, fanden das in Ordnung so.
Das war die eine Seite, die subjektiv allerdings auch erst aus
heutiger Sicht diese gewaltige Bedeutung gewinnt. Die andere war,
dass an dieser katholischen Klosterschule bereits ein
konfessionsübergreifender humanistischer Ethikunterricht praktiziert
wurde, als das Wort selbst noch gänzlich unbekannt war. Von Patres in
der Religionsstunde wohlgemerkt, mit dem Ziel, aus den Schülern
bessere Menschen, und gar nicht so sehr bessere Katholiken, zu
machen.
Diese Aspekte werden nun von einer Lawine an Missbrauchsfällen im
kirchlichen Umfeld verschüttet. Das Gute kann nicht gegen das
Schlechte aufgerechnet werden. Zumindest aber ist es dieser Tage
legitim, auch daran zu erinnern. Auch wenn sich dadurch nichts ändern
wird.
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