- 18.03.2010, 16:05:10
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"KURIER"-Kommentar von Josef Votzi: "Die Opfer haben ein Recht auf tätige Reue"
Die Kirche kann verspieltes Vertrauen nur mit offensiver Wiedergutmachung retten.
Wien (OTS) - Der immer mit großem Bedacht formulierende Wiener
Kardinal Christoph Schönborn gab sich kürzlich in einem
KURIER-Interview überraschend kämpferisch: "Wir machen den Opfern
Mut, zu sprechen."
Nach Wochen des Schweigens will sich nun der Papst mit einem
"Hirtenbrief" zu den Missbrauchsfällen zu Wort melden. Offiziell ist
das päpstliche Schreiben an die irischen Bischöfe gerichtet, wo die
jüngste Enthüllungswelle ihren Ausgang genommen hat.
Die Hoffnungen gläubiger Katholiken in ein klärendes Wort Joseph
Ratzingers auch zur jüngst bekannt gewordenen Flut an
Missbrauchsfällen in Deutschland und Österreich sind groß. Der
Schweizer Theologe Hans Küng will gar ein "mea culpa" hören: Ein
"persönliches Schuldeingeständnis", weil Benedikt XVI. auch in seiner
vorherigen Funktion im Vatikan an der Vertuschung der Skandale
mitgewirkt habe.
Die Erwartungen von heimischen Kirchenkennern halten sich in
Grenzen. Pater Udo Fischer, als jahrelanger Widersacher des
konservativen St. Pöltner Oberhirten Kurt Krenn prominent geworden,
meinte jüngst in der ZIB 2: "Die Bitte um Vergebung wird zu wenig
sein."
Eines kann der Papst den Bischöfen vor Ort nicht abnehmen - einen
endlich würdigen Umgang mit den Opfern. Mehrere Hundert haben sich
allein hierzulande in den vergangenen Wochen via Zeitungen oder bei
innerkirchlichen Ombudsstellen gemeldet.
Die berechtigte Debatte über längere Verjährungsfristen bei der
strafrechtlichen Verfolgung der Delikte hilft ihnen nicht weiter.
Ihre Fälle sind meist längst verjährt. Sie wollen, so die Erfahrungen
in den Ombudsstellen und in der Justiz, in der Mehrzahl nicht Rache
an den gefallenen Klerikern, sondern eine reuige Geste des Systems,
das sie zu Opfern und ihre Peiniger zu Tätern gemacht hat.
Will die österreichische Kirche nachhaltig Vertrauen
zurückgewinnen, muss sie von sich aus einen Schritt der
Wiedergutmachung setzen. Infrage kommt hier die Einrichtung einer
unabhängigen Kommission unter Vorsitz eines Richters und Experten,
die in keinem Abhängigkeitsverhältnis zur Kirche stehen - als
glaubwürdige Anlaufstelle für alle Opfer, die sich nicht mehr an die
Justiz wenden können oder wollen.
Infrage kommt vor allem auch ein kirchlicher
Wiedergutmachungsfonds für Missbrauchsopfer. Bislang werden lediglich
in Einzelfällen Therapien (mit-)finanziert. Da und dort gab es
Schmerzengeld von ein paar Tausend Euro. In Deutschland wird darüber
öffentlich bereits heftig debattiert. Vorbild ist der "Fonds für
ehemalige Zwangsarbeiter in katholischen Einrichtungen", so die
Süddeutsche Zeitung.
Stellt man die Millionenbeträge in Rechnung, die der Kirche
jährlich durch eine neue massive Welle von Kirchenaustritten
verloren zu gehen drohen, wäre ein solcher Fonds auch schlicht
ökonomisch betrachtet eine gute Investition.
Denn den Opfern geht es nicht ums Geld, es geht ihnen um die Geste
- ein Symbol der tätigen Reue.
Rückfragehinweis:
KURIER, Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
mailto:[email protected]
www.kurier.at
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