• 16.03.2010, 18:13:42
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Bitte keine guten Ideen"

Ausgabe vom 17. März 2010

Wien (OTS) - Gute Ideen werden in Österreich maßlos überschätzt.
Man kann das ganz wunderbar an der Genese des angeblich unbedingt
notwendigen dritten Erstaufnahmezentrums in Eberau nachverfolgen, den
voreiligen Steuer-Versprechen der Regierungsspitze, der Verlängerung
der Hacklerpension als Wahlkampfzuckerl 2008 oder den Zusagen
künftiger Volksabstimmungen bei allfälligen EU-Vertragsänderungen.

Gute Ideen haben allerdings einen Nachteil: Sie sind allermeistens
und vor allem in der Politik schlecht, wenn überhaupt durchdacht. Und
zwar konsequent bis zum - meist bitteren - Ende. Solche
Gedankenblitze entstehen meist in vollgequalmten "War Rooms" von
Parteizentralen, wo sich die entscheidungsbefugten Anwesenden ohne
Unterlass das Hirn mit der einen, alles bestimmenden Frage
zermartern: Was könnte das Volk wollen, dass meine Partei tut? Das
holpert vielleicht sprachlich, faktisch trifft es jedoch voll ins
Schwarze.

Und um Antworten auf diese eine große Frage der Politik zu finden,
wird mittlerweile kein Aufwand mehr gescheut. Kein Wunder, dass
Ministerien und Parteien längst zu den größten Auftraggebern der
hiesigen empirischen Sozialwissenschaft zählen, um Volkes Meinung zu
diesem oder jenem herauszufinden.

Mit guten Ideen der oben beschriebenen Art ist aber leider auf Dauer
kein Staat zu machen. Natürlich wissen das sämtliche Betroffenen
selbst - wahrscheinlich sogar allemal besser als die stets zum
Besserwissen neigende schreibende Zunft. Das Problem ist, dass die
Politik nicht aus ihrer Haut kann: Wahlen stehen immer irgendwo vor
der Tür. Und das heißt, dass auch irgendwo in einem verrauchten
Hinterzimmer eine Gruppe hochintelligenter Männer - Frauen sind in
diesen Zirkeln Rarität - spätnachts noch immer zusammensitzt und sich
über gute Ideen das Hirn zermartert . . .

Und wenn dann noch die Umfragen Schlechtes verheißen, ja dann wird
auch der stärkste Wille schwach und verkündet die nächste, diesmal
wirklich fantastisch gute Idee. Hoffentlich halten sich zumindest die
Aufräumkosten in volkswirtschaftlich erträglichem Rahmen.

Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/leitartikel

Rückfragehinweis:
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Tel.: +43 1 206 99-474
mailto:[email protected]
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