OTS0239 / 16.03.2010 / 14:09 / Channel: Politik / Aussender: Falter Zeitschriften GmbH
Stichworte: Kinder / Kirche / Kriminalität / Medien / Steiermark / Vorausmeldung / Zeitung


Kirche vertuschte weitreichenden Missbrauchsfall =


   Wien (OTS) - Die Diözese Graz-Seckau sowie der Vatikan stehen
unter dringendem Verdacht, den weitreichenden Missbrauchsfall eines
steirischen Pfarrers jahrelang vertuscht zu haben, berichtet die
Wiener Wochenzeitung FALTER. In derselben Ausgabe erhebt ein
ehemaliger Zögling des Stiftsgymnasiums Wilhering Vorwürfe des
sexuellen Missbrauchs.
   Ein steirischer Pfarrer soll in den 1980er Jahren mehr als ein
Dutzend Kinder und Jugendliche missbraucht haben. Sechs
Missbrauchsopfer und ein betroffenes Elternpaar erzählten der
Wochenzeitung FALTER für ihre am Mittwoch erscheinende Ausgabe ihre
Leidensgeschichte.
   Mehrere Jahre lang versuchten sie vergeblich, eine Entlassung des
Pfarrers aus dem Dienst zu erreichen - gegen den Widerstand der
Diözese Graz-Seckau. Als später selbst das Erzbischöfliche
Metropolitan- und Diözesangericht in Salzburg den Pfarrer für
schuldig befand, erfolgte direkt aus dem Vatikan Order, die Sache
fallenzulassen. 
   Der erste Missbrauch des steirischen Pfarrers soll auf das Jahr
1982 datieren. Obwohl der damalige Bischof Johann Weber Ende der
Neunzigerjahre konkrete Vorwürfe auf dem Tisch hatte, versetzte er
den Priester bloß und vertraute ihm neue Gemeinden an. Dies erklärt
die Diözese damit, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen
eingestellt hatte.
   Die Staatsanwaltschaft Graz nahm damals Ermittlungen gegen den
Pfarrer wegen sexuellen Missbrauchs in zwei Fällen auf, stellte sie
aber bald danach wegen Beweismangels und Verjährung ein. Wie der
FALTER berichtet, wurden damals außer den zwei mutmaßlichen Opfern
nur drei aktuelle Ministranten von den Ermittlern befragt, obwohl der
Pfarrer im Laufe seiner Amtszeit mindestens siebzig Ministranten
gehabt hatte. Die Staatsanwaltschaft rechtfertigt sich gegenüber der
Wochenzeitung mit "Fingerspitzengefühl: Wenn nichts dran ist, ist der
Mann ruiniert." 
   Nach einem Jahr "Urlaub" überantwortete die Diözese dem Pfarrer
weitere Gemeinden in der Südsteiermark. Drei Jahre nach den ersten
Ermittlungen wurde die Staatsanwaltschaft abermals aktiv. Diesmal
wurde der Pfarrer verdächtigt, mindestens 13 Burschen im Alter
zwischen 5 und 18 Jahren wiederholt sexuell und schwer sexuell
missbraucht zu haben. Das Verfahren wurde abermals eingestellt. "Rein
aus Gründen der Verjährung", wie es aus der Staatsanwaltschaft
gegenüber dem FALTER heißt: Sonst hätte man es "auf jeden Fall
gemacht."
   Weil Opfer weiter intervenierten, stellte der damals erst wenige
Monate im Amt befindliche Bischof Egon Kapellari den Pfarrer vom
Dienst frei. Unter Zustimmung der römischen Glaubenskongregation fand
das erste Kirchengerichtsverfahren wegen Missbrauchs in Österreich
statt. Es endete mit einem Schuldspruch für den Pfarrer. Die
Glaubenskongregation, der aktuell auch der Wiener Kardinal Christoph
Schönborn angehört, hob das Urteil allerdings im Jahr 2006 wegen
Verjährung der Tatbestände auf. 
   Als die Kongregation das Verfahren bestellte, stand Kardinal
Joseph Ratzinger an ihrer Spitze. Als Rom das Urteil aufhob, war er
bereits Papst Benedikt XVI. Dass die Kirche einen Prozess führt,
dessen Urteil sie hinterher wegen Verjährung aufhebt, ist laut dem
Kirchenrechtler Wilhelm Rees höchst unüblich. Gerhard Holotik, jener
Prälat des Erzbischöflichen Metropolitan- und Diözesangerichts in
Salzburg, der das Gerichtsverfahren geleitet hatte, erklärte dem
FALTER, Er habe sich wegen der Verjährung sehr wohl im Vorhinein
abgesichert. "Wir haben die Sache ja von Rom zugewiesen bekommen. Sie
können sich denken, wie wir empfinden, wenn unser Urteil plötzlich
aufgehoben wird. Ich bin nicht glücklich über das Ganze."
   Altbischof Johann Weber und Bischof Egon Kapellari wollen sich zur
Causa nicht persönlich äußern. Wie Kapellaris Sprecher erklärt,
"wurde dem Pfarrer ein bleibender Aufenthaltsort in einem Kloster mit
sichernden Auflagen zugewiesen".  
   Noch nach dem Prozess im Jahr 2006 ließ der Pfarrer allerdings
verlauten: "Als Aushelfer bin ich in den Pfarren begehrt". Ein
Sprecher der Diözese kann nicht ausschließen, dass er "gelegentlich
eine Messe feiert, da er ja als Priester nicht suspendiert ist". Das,
obwohl Bischof Kapellari versprochen haben soll, ihn nicht mehr in
die Nähe von Kindern kommen zu lassen.
   Unterdessen erhebt ein ehemaliger Zögling des oberösterreichischen
Stiftsgymnasiums Wilhering Vorwürfe des Missbrauchs, wie der FALTER
in derselben Ausgabe berichtet. Der heute 55-Jährige Mann wirft einem
Pater sexuellen Missbrauch in den 1960er Jahren vor. Als die anderen
Zöglinge bereits schliefen, habe er ihn mehrmals auf sein Zimmer
geholt, um mit ihm über Sexualität zu sprechen. Dabei habe sich der
Pater, der vor sechs Jahren verstorben ist, mehrmals selbst
befriedigt und den Penis des damals 10-Jährigen gestreichelt, erzählt
der ehemalige Zögling dem FALTER. Ein anderer Pater soll den
Internatsschüler regelmäßig geschlagen haben. Auch musste er nachts
stundenlang vor Heizkörpern knien. Der betreffende Priester
relativiert die Vorwürfe gegenüber dem FALTER und spricht von einer
"anderen Zeit".
Rückfragehinweis:
   Armin Thurnher, Tel.: +43 664 2412127 
   Chefredakteur Falter 
	
							
												
							
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