Wien (OTS) - Die katholische Kirche in Österreich steht am
Pranger. Wieder einmal. Kardinal Hans Hermann Groer ist nicht
vergessen, die "Bubendummheiten" im St. Pöltener Priesterseminar sind
in guter Erinnerung, die Debatte um Gerhard Maria Wagner als
Beinahe-Weihbischof mit überkommenem Weltbild ist noch nicht verdaut.
Und jetzt die Welle an Missbrauchsfällen. Gut, man ist damit nicht
allein, teilt sich Schmach und Schande etwa mit deutschen und
irischen Mitbrüdern - was die eigene Verantwortung aber nicht
schmälert und reflexartiges Handeln nicht stoppen kann: Die
Kirchenaustritte steigen rasant an. Natürlich verlassen in solchen
Fällen immer jene das Kirchenschiff, die ohnehin seit Jahren zum
Absprung bereit waren, was die Kirche nicht weniger schmerzt, denn
auch Taufscheinkatholiken sind zahlende Mitglieder. So viel zu den
erwartbaren Folgeerscheinungen der jüngsten Kirchenkrise.
Doch es tut sich insbesondere in den vergangenen Tagen auch
Unerwartetes auf. Den Missbrauchsvorwürfen setzen Bischöfe und Äbte
eine ungewohnt offensive Haltung entgegen. Viele mögen die Flucht
nach vorn als selbstverständlich sehen. Ist sie aber gerade für die
katholische Kirche nicht. Kollektives Schweigen war in schweren
Zeiten stets das Gebot der Stunde. Exemplarisch für den Umgang mit
innerkirchlichen Problemen steht ein Name: Groer. Erst drei Jahre
nach dem Skandal und dem Rücktritt des Kardinals gelangten die
Bischöfe Schönborn, Eder und Kapellari "zur moralischen Gewissheit",
dass die Vorwürfe gegen Groer "im Wesentlichen zutreffen".
2010 scheint man aber plötzlich erkannt zu haben, dass nicht der
Skandal allein die Einheit der Christen gefährdet, sondern vor allem
der Umgang damit. Anders als die deutschen Bischofskollegen ist man
hierzulande aufgestanden und hat eine ungewohnte Offenheit an den Tag
gelegt.
Wenn Kardinal Schönborn auf eine "echte Umkehr" in der Kirche hofft,
zu einem "Prozess der Läuterung" aufruft und vor zu viel
Selbstmitleid warnt, der Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser sich
deutlich wie nie zuvor für eine Diskussion über den Zölibat
ausspricht, der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari alle Opfer
"ausdrücklich um Verzeihung bittet" und sie auffordert, sich zu
melden, dann zeigt sich, dass man aus den Fehlern der Vergangenheit
gelernt hat. Sich den Vorwürfen zu stellen, rasch zu reagieren und
vor allem Worte der Entschuldigung zu finden heißt die Opfer ernst zu
nehmen. Für viele Betroffene eine späte, aber nicht minder wichtige
Genugtuung.
Wenn der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert
Zollitsch, nach einer Kritik der deutschen Justizministerin Sabine
Leutheusser-Schnarrenberger beleidigt der Bundeskanzlerin schreibt,
müssen sich einst allzu sehr liebkoste Zöglinge verhöhnt fühlen. Und
eine Entschuldigung nach einem Plauscherl mit dem Papst macht die
Sache nicht besser. Denn vermittelt hat die deutsche
Bischofskonferenz von Anbeginn an: Mischt euch nicht in
Angelegenheiten der Kirche ein.
Missbrauchsfälle wird es auch künftig geben - in der Familie, im
Sportverein, in der Kirche. Offen und ehrlich mit diesem
Gesellschaftsproblem umzugehen gibt Opfern zumindest ein Stück ihrer
Würde zurück. Und die neue Offenheit steht der katholischen Kirche in
Österreich gut. Geschwiegen worden ist lange genug.
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Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445
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