• 10.03.2010, 18:14:39
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Bologna und der Prozess"

Ausgabe vom 11. März 2010

Wien (OTS) - Der Lissabon-Prozess, mit dem Europa zum
dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt gemacht hätte werden sollen,
ist gescheitert, weil es kaum Koordination der EU-Mitgliedsländer
gab.
Für die Universitäten und Hochschulen gibt es auch einen solchen
Prozess, den Bologna-Prozess. 1999 beschlossen, sollen danach
dreistufige Studienpläne (über Europa hinaus) angeglichen werden.
Studierenden sollte es möglich sein, in einem anderen Land jederzeit
in die jeweilige Studienrichtung einsteigen zu können, dazu kommt
gegenseitige Anerkennung des Studiums. 20 Prozent aller Akademiker,
so lautet das Ziel, sollen einen Teil ihres Studiums in einem anderen
Land absolviert haben. Europa soll zusammenwachsen und gleichzeitig
die Akademikerquote erhöhen.

Ein schönes Ziel, ein guter Plan. Studierende sollten eigentlich
nicht dagegen, sondern dafür demonstrieren. Was sie eigentlich auch
machen. Denn der Protest richtet sich nicht gegen die Idee, sondern
gegen deren zweifelhafte Umsetzung.

Manche Länder, wie auch Österreich, witterten die Chance, auch auf
den Universitäten mit dem um ein Jahr verkürzten Bachelor-Studium
schnell mehr Akademiker auszubilden. Das Zusammenpferchen der
Studienpläne führt notgedrungen zu einer sogenannten "Verschulung".
Dafür gibt es aber bereits die Fachhochschulen, die sehr
berufsspezifisch ausbilden. Die Universität ist aber eben keine HTL
auf hohem Niveau, sondern soll eine möglichst universelle Bildung
ermöglichen.

Die Wirtschaft schreit ebenfalls auf, Bachelor-Absolventen seien
nicht gerade willkommen, heißt es von den Arbeitgeberverbänden. Für
Studierende ist das ein zusätzliches Alarmzeichen: Wer studiert
schon, um danach keinen Job zu bekommen?

Und die nationalen Unterschiede bestehen immer noch, man bekämpft
sich gegenseitig mit Zugangsbeschränkungen. Die Bildungskonferenz zum
Bologna-Prozess in Budapest und Wien sollte die massiven Proteste der
jungen Leute ernst nehmen. Sonst winkt diesem Programm ein ruhmloses
Ende wie dem Lissabon-Prozess. Und Europa hätte wieder eine Chance
vertan, stärker zusammen zu wachsen. Wenn der Kontinent aber bei den
jungen Leuten versagen sollte, schaut es mit der Zukunft insgesamt
nicht rosig aus.

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