- 09.03.2010, 18:34:58
- /
- OTS0302 OTW0302
"Die Presse" Leitartikel: Es haben ja alle davon gewusst, von Michael Prüller
Ausgabe vom 10.03.2010
Wien (OTS) - Sexuelle Ausnutzung von Autoritätsverhältnissen ist
kein Kavaliersdelikt mehr. Das gilt es zu verstärken.
Wird die Aufregung um den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen
positive Folgen haben? Irgendwann, das ist ein ehernes Gesetz der
Kommunikationswissenschaft, legt sich auch der größte Sturm wieder;
manchmal ebenso unvermittelt, wie er ausgebrochen ist. Und dann? Geht
dann die Welt wieder zum Normalbetrieb über, als sei nichts
geschehen? Wird die ganze Aufregung, wenn sie vorbei sein wird, nur
den Voyeuren unter (und in) uns etwas gebracht haben?
Es gibt Hoffnung, dass sich doch etwas ändert. Zum Beispiel in der
katholischen Kirche. Kein Bischof hat diesmal die Glaubwürdigkeit der
Opfer bezweifelt. Auch die noch bei der amerikanischen
Missbrauchskrise im Jahr 2002 laut geäußerte Kritik an einer
"Medienkampagne" gegen die Kirche ist diesmal nur vereinzelt
angeklungen. Aber das sind eigentlich Lernfortschritte aus früheren
Episoden. So wie die in den vergangenen Jahren eingerichteten
Kontaktstellen für Missbrauchsopfer, die jetzt geholfen haben, die
Glaubwürdigkeit der Bischöfe zu untermauern.
Was man von den Kirchenoberen verlangen muss, ist, dass sie künftig
wirklich kompromisslos gegen Untaten und Täter vorgehen. Natürlich
ist die Kirche eine Institution mit Beißhemmung, weil ihr Kern aus
Begriffen wie Barmherzigkeit, Vergebung und Umkehr gebildet ist. Aber
es ist ziemlich deutlich, dass das Verschweigen und Vertuschen von
Missbrauchsfällen weniger diesem Hang zu Güte und Gnade entspringt,
sondern vielmehr aus einer sehr weltlichen Angst vor Imageverlust und
davor, dass die heilige Mutter Kirche gar nicht so heilig dastehen
könnte. Diese Ängste sind aber keine Rechtfertigung. Auch von der
religiösen Warte aus nicht: Hat es denn eine Institution, die nach
Gottes Wort auf Fels gebaut - "und die Mächte der Unterwelt werden
sie nicht überwältigen" - und vom Heiligen Geist geleitet ist,
wirklich nötig, moralische Hochstapelei zu begehen, um ihre Wirkung
entfalten zu können?
Es ist unumgänglich, dass die Kirche sich weder die Feststellung, ob
strafbare Handlungen vorliegen, noch die Aburteilung von Tätern
vorbehält. Es geht um weltliche Verbrechen - die zu ahnden ist
ausnahmslos (auch) Sache der weltlichen Behörden. Wenn ein Verdacht
auftaucht, gehört er der Polizei gemeldet, außer vielleicht, das
Opfer und dessen Eltern wollen es anders.
Aber es wäre nur ein neuer Akt der Verdrängung, wollte man bloß von
der Kirche Taten sehen. Man hätte gar nicht die Enthüllungen aus der
weltlichen Modellschule in Odenwald gebraucht, um zu wissen, dass
Missbrauch kein katholisches Sonderverbrechen ist. Auch nicht das
große Wegschauen und Vertuschen. Tatsächlich galt sexueller
Missbrauch - zumindest, wenn es nicht zu einer Vergewaltigung kommt -
über weite Strecken hinweg der Gesellschaft als ein Kavaliersdelikt.
Unschön - aber so ist halt das Leben, und was einen nicht umbringt,
macht einen nur härter. "Es haben eh alle gewusst", hört man nach
einer Enthüllung oft. Und als etwa die "Frankfurter Rundschau" 1999
über Missbrauchsvorwürfe an der Odenwaldschule schrieb, hat das
niemanden sehr aufgeregt.
Auch das Niveau der Diskussion zeigt keine wirklich tiefe Befassung
mit dem Thema. Psychisch ganz unterschiedliche Phänomene wie
Pädophilie, sexueller Missbrauch von Jugendlichen, sadistische
Neigungen oder die simple Watschen werden in einen Topf geworfen; es
wird psychiatrisch, aber auch statistisch oder kulturhistorisch
herumdilettiert. Als ob man erst kürzlich auf das Problem aufmerksam
geworden wäre.
Und was das Strafrecht betrifft: Für Kindesmissbrauch sind Strafen
und Verjährungsfristen bis heute recht moderat gehalten. Auch hier
gibt es Rechtfertigungen. Zum Beispiel gegen längere
Verjährungsfristen: Die Beweislage ist ohnehin meist schon dürftig
genug. Und wie soll man nach langer Zeit noch die Wahrheit
herausfinden? Aber wie sollen etwa Bischöfe oder Ordensobere
kompromisslos die Behörden einschalten, wenn diese wegen Verjährung
oft gar nicht mehr zuständig sind?
Man wird sich entscheiden müssen, ob es sich um eine schwerwiegende
Sache handelt oder nicht. Die vergangenen Jahrzehnte haben - wie
immer man zur Turbosexualisierung der Gesellschaft stehen mag -
jedenfalls einen großen Fortschritt gebracht: Die sexuelle Ausnutzung
von Autoritätsverhältnissen wird heute viel deutlicher als Delikt
wahrgenommen als früher. Belästigung am Arbeitsplatz, Vergewaltigung
in der Ehe, Missbrauch Jugendlicher sind strafbar geworden. Dieser
Weg sollte weitergegangen werden, wenn Autorität - kirchliche,
schulische, familiäre - ihren tiefsten Sinn erfüllen soll: Sicherheit
zu geben
Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com
Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/447
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR






