• 07.03.2010, 18:16:14
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"Die Presse" - Leitartikel: Dreht endlich diese Zukunftsmusik ab!, von Irene Zöch

Ausgabe vom 08.03.2010

Wien (OTS) - Wie lange kann es sich die globale Gesellschaft
eigentlich noch leisten, auf ihr weibliches Potenzial zu verzichten?

Die Zukunft ist weiblich. Wie oft haben wir das mittlerweile schon
gehört. Politiker werden nicht müde, bei jeder Gelegenheit diese
Phrase zu dreschen. Und heute ist wieder einmal so eine Gelegenheit:
Am Internationalen Frauentag werden von Wien bis Washington Reden
geschwungen; Männer diskutieren über sogenannte Frauenthemen. Einen
ganzen Tag lang. Damit wollen sie Frauen Mut machen - oder sie doch
nur vertrösten? Denn wenn es momentan schon nicht klappt mit
politischer Partizipation, mit Bildung, Kind und Karriere, dann
sicherlich in Zukunft. Irgendwann.
Frauenthemen sollten aber längst als Gesellschaftsfragen wahrgenommen
werden, deren Lösung von Männern und Frauen in Angriff genommen
werden müsste. Besonders deutlich wird das in Kriegszonen und
Krisengebieten: Niemand ruft dort feministische Parolen. Und dennoch
sind es die Frauen, die gerade in solchen extremen Situationen
Extremes leisten müssen. Sie kämpfen oft ums nackte Überleben und
versuchen dabei, den Alltag aufrechtzuerhalten.
Die Auswirkungen von Krieg und Terror spüren sie dann als Allererste
am eigenen Leib - wie zum Beispiel in Afghanistan. Der Zugang zu
Bildung ist für Frauen auch nach Ende der Taliban-Herrschaft noch
immer Zukunftsmusik. 90 Prozent der erwachsenen Frauen sind
Analphabeten, 60 Prozent der Mädchen im Volksschulalter können keinen
Unterricht besuchen. Ungeachtet der afghanischen Verfassung, die eine
Gleichstellung von Mann und Frau vorsieht, bestimmen Männer über das
weibliche Schicksal. Wieso sollte man Mädchen in die Schule schicken,
wenn sie sowieso jung verheiratet werden und sie sich dann um
Haushalt, Mann und Kinder kümmern sollen?
Falsch wäre es, daraus den Schluss zu ziehen, dass Frauen nicht an
Entscheidungsprozessen ihres Landes teilhaben wollen. Als vorigen
November in Afghanistan ein neuer Präsident gewählt wurde, waren fast
40 Prozent der Neu- und Erstwähler weiblich. Gegen den Platzhirsch
Hamid Karzai traten immerhin zwei Frauen an.

Auch im Irak haben Frauen bei den Parlamentswahlen, die am Sonntag
abgehalten wurden, ihr Interesse bewiesen: Von den mehr als 6000
Kandidaten waren knapp 2000 weiblich. Im Parlament ist eine
Frauenquote von 25 Prozent festgelegt. Damit werden in Bagdad mehr
Frauen in der Politik mitmischen als in Malta, Irland oder in
Italien. Politisch engagierte Frauen befürchten aber, dass diese Wahl
ihre letzte Chance auf eine echte Beteiligung am politischen Prozess
gewesen sein könnte, weil die Frauenquote bei der nächsten Wahl
fallen soll. Wird das dann das Ende der Frauenstimmen in dem von
Männern dominierten Chor sein?
Welche Macht die weibliche Stimme hat, wurde im Vorjahr in Teheran
klar: Frauen haben bei den couragierten Protesten gegen das Regime
eine tragende Rolle gespielt und waren in vorderster Reihe dabei -
mutig, zielstrebig, rebellisch. Von der Revolte der Frauen war immer
wieder die Rede. Die vor laufender Kamera getötete Neda verlieh der
grünen Protestbewegung ein weibliches Gesicht. Dort, wo
Zivilgesellschaften entstehen, sind Frauen maßgeblich beteiligt und
nehmen Veränderung an der bestehenden Gesellschaft vor.

Trotz der Afghanistans dieser Welt: Bei Berufsausbildung und höheren
Abschlüssen haben Frauen die Männer vielfach überholt. Das gilt nicht
nur für den Westen, sondern auch für Asien, für den Nahen Osten. Auch
dort finden sich an den Hochschulen mehr Frauen als Männer. Aber nur
allzu oft übt eine Frau ihren Beruf nie aus. Eine arbeitende Ärztin
oder Anwältin wird oft als Eingeständnis gewertet, dass der Mann
nicht allein in der Lage sei, seine Familie zu ernähren.
Kann es sich eine globale Gesellschaft leisten, auf die Partizipation
von mindestens 50 Prozent ihrer Mitglieder ganz einfach zu
verzichten? (Sei's im Westen oder im Osten.) Wohl kaum. Dabei bleiben
zu viele Ressourcen einfach ungenutzt, verpuffen zu viele Talente,
geht zu viel Potenzial verloren. Ein Verzicht auf qualifizierte
Frauen wird immer kostspieliger. Das kann doch nicht im Sinn
einzelner Staaten sein. Zu viel steht auf dem Spiel: wirtschaftliche
Stärke, Wettbewerbsfähigkeit, Fortschritt, Wohlstand.
Ist die Zukunft nun weiblich? Oder ist sie männlich? Wie wär's mit:
Die Zukunft ist gerecht, sie ist partnerschaftlich,
geschlechtsneutral. Dann könnte das 21. Jahrhundert vielleicht doch
noch zum Jahrhundert der wahren Gleichberechtigung werden. Ganz ohne
Zukunftsmusik.

Rückfragehinweis:
[email protected]

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/447

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