- 05.03.2010, 20:27:04
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Peter Noever zum Ableben von Raimund Abraham
Offener Brief
Wien (OTS) - Nur wenige Stunden vor seinem Tod hielt Raimund
Abraham den Vortrag "The Profanation of Solitude" am Southern
California Institute of Architecture (SCI-Arc) in Los Angeles, den
ich besuchte und in dem er von seiner unerschütterlichen Liebe zur
Architektur sprach. Ich bin tief betroffen über sein tragisches
Ableben. Ich habe nicht nur einen engen Freund verloren, sondern auch
einen der politisch korrektesten Menschen, der sich nicht mit
Halblösungen zufrieden gab. Er blieb sich selbst und seinen
Überzeugungen immer treu.
Raimund Abraham befand sich im ewigen Widerstand für die freie
Kraft von Architektur und Weltkultur. Zu Beginn der 1960er Jahre
definierte er mit Hans Hollein und Walter Pichler eine neue
experimentelle Bauweise. Heute zählt er zu den visionärsten und
progressivsten Architekten und theoretischen Denkern der
internationalen Avantgarde.
Abraham lebte und kämpfte für die Entfaltung von Architektur,
durchlebte technische Utopien und dachte Architektur in ihrer
grenzensprengenden Dimension, die Vision stets im Blickfeld.
Kompromisslos in seinen Forderungen für Architektur, entwickelte er
eine elementare Architektursprache und beschäftigte sich im Sinne der
autonomen Kunst der Architektur mit "Imagination". In seiner primären
Architekturauffassung ging es ihm um ideelle Vorstellung und
Wahrnehmung: "Die Idee ist dimensionslos und vom Moment an, wo sie
bildhaft - also dimensional wird, ist sie schon eine Lösung, ist sie
schon eine Übersetzung. Die Zeichnung ist autonom, nicht eine
Vorstufe. Das Blatt Papier ist für mich der Ort und Architektur ist
für mich Eingriff in den Ort."
Als Nonkonformist, fundmentaler Kritiker und Verfechter der
architektonischen Form setzte sich Abraham unermüdlich für eine
kollektive Erneuerung der Architektur ein. Wenn also in der
Geschichte der Architektur eine bauliche Form, um als Architektur
anerkannt zu werden, als etwas Besonderes, Wahrhaftiges, Singuläres
ausgewiesen werden musste, gilt heute jede Form als bloßes Beispiel
einer potentiell unendlichen Menge von Formen, von denen jede es
gleichermaßen verdienen würde, als Architektur zu gelten. - Diese
Gleichwertigkeit aller Formen, welche die Architektur der Moderne
ermöglichte, wurde von Raimund Abraham mit Fragezeichen versehen.
Mit der Realisierung des bahnbrechenden Neubaus des
österreichischen Kulturforums in New York - ein Hochhaus mit der
wasserfallartiger Glas-Alu-Fassade und rund 20 Stockwerken bei einer
Gebäudebreite von nur 7,6 Metern - entwickelte und erkämpfte er eine
exemplarische Architektur, während der zehnjährigen Bauphase
(1992-2002) heftig umstritten, heute "Aushängeschild einer modernen
Kulturnation" und eine der wenigen Architekturen, die Raimund Abraham
umsetzen konnte - ein dramatisches Versäumnis und ein ewiger Verlust
für unsere Gegenwart und Zukunft.
Abraham verband eine sehr spezielle jahrzehntelange Beziehung mit
dem MAK Wien, wie auch dem MAK Center Los Angeles. Er zählte zu
denjenigen, die mich persönlich in der Umsetzung der Neuorientierung
des Museums für angewandte Kunst in den 1980er Jahren unterstützten.
Er partizipierte auch an der programmatischen Ausstellung "Wiener
Bauplätze. Verschollene Träume - Angewandte Programme. Wien um 1986"
und nahm an der dazu parallel veranstalteten MAK-Vortragsreihe
"Architektur oder Bauen?: Eigensinn oder Illusion - Fragmente zu
einem Programm der neuen architektonischen Kultur" teil; 1991
gestaltete er ein außergewöhnliches Projekt - das "Kugel-Projekt" -
für das MAK-Terrassenplateau. Seine Architekturmodelle und
Zeichnungen zählen zu den ersten Objekten, die für die MAK-Sammlung
Gegenwartskunst erworben wurden, darunter das Projekt "Kirche an der
Berliner Mauer" (1981-1982) und der "Hinge-Chair" (1971) aus der
Serie "Destruction of Objects". Zuletzt war Abraham in Vorbereitung
seines Beitrags zu der vom MAK für 2011 geplanten Ausstellung
"Austria Davaj!", die im MUAR / Schusev Staatsmuseum für Architektur,
Moskau, stattfinden wird.
Die Architektur begriff Abraham in ihrem Potential und als Prozess
der Transformation. Geprägt von der Überzeugung, dass Architektur
Zeugnis menschlicher Existenz ist und der Mensch selbst Architektur
machen muss, trifft er Architektur an ihrem ursprünglichen Punkt und
skizziert eine "Poesie des Archetypischen". Seinen philosophischen
Zugang zu Architektur vermitteln zahlreiche umfassende Texte und
Bücher. 1964 gab er das Buch "Elementare Architektur" heraus; dabei
interessierte ihn Architektur ohne Attribute, von äußeren Einflüssen
unberührt, mit einfachsten Mitteln, im Bauprozess organisch
gewachsen.
"Erinnerung und Sehnsucht: Das ist Architektur. Gebaut und ungebaut."
Seine Architektur hat sich für immer in unsere Gedanken
eingeschrieben.
Peter Noever
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Presse MAK
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