OTS0208 / 08.02.2010 / 18:15 / Channel: Kultur / Aussender: Der Standard
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DER STANDARD-KOMMENTAR "Die Ministerin braucht keinen Arzt" von Andrea Schurian

Utl.: Als Kulturministerin kann Claudia Schmied eines ganz vorzüglich: Schweigen - Ausgabe vom 9.2.2010 =


   Wien (OTS) - Ist da jemand? In Vorwahlzeiten herrscht im Teich der
Künstler-Promi-Testimonials eifriges Wettfischen, die bevorstehende
Bundespräsidentenwahl wird diesbezüglich ebenso wenig eine Ausnahme
sein wie die Wahlen in Wien oder der Steiermark. Bitte schenken Sie
mir Ihre Empfehlung. Danke vielmals. Und in ein paar Jahren hören Sie
wieder von uns. Aber wo, bitteschön, geht es dieser Tage in der
Koalition zur Kulturpolitik? Schon eine vage Richtungsangabe wäre
echt hilfreich, offene Baustellen gäbe es zuhauf. 
Unlängst schwärmte Ex-Burgchef Claus Peymann im Standard-Interview
über das große Glück, das er seinerzeit mit dem damaligen
Kulturminister Rudolf Scholten gehabt hätte: "Er war das intelligente
und liebenswerte Groupie unserer Zeit." Das kann man von Scholtens
Nach-Nachfolgern definitiv nicht mehr behaupten: nämlich, dass da
jemand in der kulturpolitischen Schaltzentrale säße, der radikal für
Kunst und Kunstschaffende Partei ergriffe. 
Schon Ex-SP-Bundeskanzler Viktor "Kultur ist Chefsache" Klima
bevorzugte abendterminlich Faschingssitzungen und marginalisierte die
Kultur zur politischen Nebensächlichkeit. Auch die aktuelle
Ressort-Chefin Claudia Schmied fällt bei Kulturveranstaltungen nicht
weiters auf. Weil sie schwänzt. Lieber schiebt sie Eisstöcke in
Perchtoldsdorf, als sich im Burgtheater blicken zu lassen. Sicher,
man kann sich noch an ein paar spektakuläre, allerdings auch schon
länger zurückliegende Personalentscheidungen erinnern: für die
Staatsoper Dominique Meyer und Franz Welser-Möst statt des
Gusenbauer-Favoriten Neil Shicoff; Sabine Haag anstelle
internationaler Bewerber für das Kunsthistorische Museum. Eh in
Ordnung. Und sonst? Stille.
Claudia Schmied hat Schweigen ganz offensichtlich zur höchsten
ministeriellen Tugend verfeinert. Von der Szene werden in tratschando
die Favoriten für die Nachfolge von Mumok-Direktor Edelbert Köb
bereits Länge mal Breite durchdekliniert, doch aus dem Ministerium
kommt kein Mucks. Wobei: Kandidaten mit internationalem Renommee
haben sich nach der KHM-Erfahrung praktischerweise nicht mehr
beworben. Fast möchte man auch glauben, die beiden Festspiele finden
sonst wo in der Welt, nur nicht in Salzburg statt, so ausdauernd hält
die Ministerin zum Finanzskandal still. Dabei wäre es doch für einen
der Sponsoren, nämlich die Steuerzahler, durchaus interessant zu
wissen, wie der Bund die Sache sieht. 
Manchmal bricht die Ministerin ihr Schweigen. Redenschreiber
produzieren viel heiße Luft, und so kommen viele, viele nette, banale
Wortblasen aus ihrem Mund. Zum Beispiel: Kultur nicht mehr für alle,
sondern mit allen, sagt sie. Und dass es ihr erklärtes Ziel sei, mehr
Menschen an Kunst und Kultur teilhaben zu lassen. Fein. Wäre also
richtig super, wenn Frau Schmied selbst teilhaben würde an den
Kulturveranstaltungen, für die zuständig zu sein sie doch so sehr
schätze, wie sie beteuert; wenngleich es kaum einen Bereich gäbe, in
dem so viel über Geld geredet würde. Nachdenkhilfe: Weil die
überwiegende Mehrheit der Kunstschaffenden am oder unter dem
Existenzminimum lebt? 
Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen, sagte einmal sinngemäß ein
österreichischer Spitzen-Sozi. So gesehen braucht die amtierende
Kulturministerin leider ganz gewiss keinen ärztlichen Beistand. 
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