• 08.02.2010, 08:42:27
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Auf dem Weg zur Selbstbedienungs-Republik - Robert Lechner

Ehrliche Unternehmer fühlen sich zunehmend gefrotzelt

Wien (OTS) - Fehlende Entscheidungen im Fall Libro; bisher keine
sichtbaren Konsequenzen für unerklärliche Machenschaften rund um
Immofinanz alt; Bankmanager, die ganze Institute versenkt haben und
nun seelenruhig Rennpferde züchten; Unternehmenschefs, die auf einem
riesigen Bauskandal sitzen und simple Rechercheanfragen mit
Klagsdrohungen beantworten; ein ehemaliger Finanzminister, der trotz
Buwog-Desaster weiterhin in jede auf ihn gerichtete Kamera grinst;
300 versenkte Millionen bei Spekulationsgeschäften der ÖBB, und
keinerlei substanzielle Neuigkeiten darüber, wie es mit den
Anlegerverfahren rund um frühere Meinl-Gesellschaften weitergehen
soll - in Österreich steigt das Empfinden, dass in Sachen
Gerechtigkeit Stillstand herrscht.

Selbst wenn bei vielen sogenannten Affären keine strafrechtlichen
Konsequenzen übrig bleiben, die moralische Komponente des
Wirtschaftens bleibt derzeit arg auf der Strecke. Es geht in Richtung
Selbstbedienungs-Republik.

Mit Gutmenschen-Getue hat das alles nichts zu tun. Das wäre ein allzu
einfaches Argument, um ein Innehalten und Reflektieren darüber zu
verhindern, was sich in den Köpfen einst hoch angesehener
Entscheidungsträger abspielt beziehungsweise abgespielt hat. Auch die
schärfste Wirtschaftskrise seit den 30er-Jahren des vorigen
Jahrhunderts kann in den wenigsten Fällen als Entschuldigung für
offensichtlich falsches Verhalten dienen.

Warnungen, ein Teil der rund 400.000 Arbeitssuchenden könnte
demnächst ausrasten , werden ignoriert. Wenn Ökonomen wie Stephan
Schulmeister auf steigenden Druck innerhalb des gesellschaftlichen
Gefüges aufmerksam machen, ducken sich Entscheidungsträger und selbst
berufene moralische Instanzen gerne weg, oder sie investieren noch
rasch in ein Projekt von Investmentmanager Tilo Berlin.

Wirklich unangenehm ist das sozioökonomische Klima derzeit auch für
das Rückgrat jeder Volkswirtschaft, die klein- und mittelständischen
Unternehmen. Wenn wieder einmal eine Bank einen Kreditantrag mit dem
Vermerk "Leider nicht" retourniert, beschleicht so manchen
Betriebseigentümer ein seltsames Gefühl: Offensichtlich ist das Rad,
an dem ich drehe, nicht groß genug, das Risiko zu überschaubar, das
Vorhaben nicht dreist genug.

Das Gefühl, dass in letzter Zeit die Falschen für ökonomische
Hoppalas haften, ist nicht nur ein Problem für die Verlierer am
Arbeitsmarkt. Auch immer mehr ehrliche Wirtschaftstreibende fühlen
sich langsam über die Maßen gefrotzelt.

Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Tel.: Redaktionstel.: (01) 60 117/305
http://www.wirtschaftsblatt.at

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/236

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