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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Lawinengefahr lässt sich nicht vom Gesetzgeber bannen" (von Ernst Sittinger)
Ausgabe vom 06. 02. 2010
Graz (OTS) - Sechs Lawinentote in zwei Tagen. Diese Relation
sagt viel über die derzeit herrschende Wetter- und auch über die
akute Gemütslage der Wintersportler aus. Denn alle Warnungen, wonach
der Schneeaufbau in den Bergen zur Zeit besonders problematisch und
die Gefahr daher als extrem einzustufen sei, erweisen sich als
wirkungslos. Wenn die weiße Pracht ruft, schwärmen die Tourengeher in
Scharen aus, um sich ihren Anteil unberührte Natur zu holen. Sie
wollen Genuss, nicht Gefahr, nehmen aber zweitere in Kauf, um
ersteren nicht zu verpassen.
Nach jedem Unglück bleiben dieselben Fragen, werden Rufe nach
strengen Regeln, nach Verboten und Strafen laut. Schon daran sieht
man, wie schwer wir unsere Ohnmacht im Angesicht der Naturgewalten
ertragen. Wir wollen in den Griff kriegen, was doch nicht zu bändigen
ist. Das Problem erinnert an die Erdbeben: Die besten Lawinenforscher
können uns nicht sagen, wann und wo sich das nächste Schneebrett
löst. Wir können nur mit Pieps und Lawinen-Airbag das Risiko
verringern. Wir können Warnzentralen einrichten und das Ausgraben von
Verschütteten üben. Wir könnten auch ganz auf Touren verzichten, aber
das wollen wir ja nicht.
Was tun? Ein Betretungsverbot tief verschneiter Hänge wird sich im
Tourismusland Österreich weder verhängen noch kontrollieren lassen.
Man darf nicht übersehen, dass die Ausübung von Sport in der Natur
gesund und daher persönlich und gesellschaftlich wünschenswert ist.
Daher ist auch vor erhöhten Versicherungsbeiträgen für Sportler zu
warnen. Der nächste Schritt wäre eine Trägheits-Steuer, weil auch
Bewegungsmangel ein hohes (Kosten-)Risiko birgt.
Sicher ist aber auch, dass die Inkaufnahme des Lawinenrisikos keine
Privatsache ist. Jeder leichtsinnige Wintersportler gefährdet
Dutzende andere, die bei der Bergung ihr Leben riskieren. In Südtirol
gab es heuer schon zwei Unglücke, bei denen hauptsächlich Helfer
gestorben sind. Die finanziellen Kosten der Rettungseinsätze werden
zwar verrechnet, das reicht als Abschreckung aber nicht. Womöglich
wird man verstärkt im Strafrecht danach suchen müssen, wie die
mutwillige Gefährdung der Retter geahndet werden kann. Vielleicht
sollte man jeden Leichtsinnigen zur Teilnahme am nächsten
Hilfseinsatz verpflichten.
Über all dem muss man aber die Relationen zurechtrücken. In
Österreich sterben jährlich 25 Menschen unter Lawinen und 700 im
Straßenverkehr. Was auch immer wir dagegen tun - es wird immer zu
wenig bleiben.****
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