• 02.02.2010, 18:30:13
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Herkules oder Sisyphus? - von Michael Laczynski

Defizitsünder Griechenland muss rasch intern abwerten

Wien (OTS) - Gegen das, was dem griechischen Regierungschef
Giorgos Papandreou jetzt bevorsteht, waren die zwölf Arbeiten des
Herkules ein Lercherl. Denn während der starke Mann der Antike seine
Herausforderungen der Reihe nach angehen konnte, muss es der
schmächtige Premier mit allen Widersachern zugleich aufnehmen:
Pensionisten, Studenten, Bauern, Staatsbedienstete. So gut wie jeder,
der in Griechenland einer bezahlten Arbeit nachgeht, nachging oder
eines Tages nachgehen möchte, hat mit Papandreou ein Hühnchen zu
rupfen, seit die Wirtschaftskrise die Regierung in Athen zu einem -
für griechische Verhältnisse beispiellosen - Sparkurs gezwungen hat.
Angesichts dieser Feindeszahl hätte selbst die neunköpfige Hydra
schleunigst das Weite gesucht.

Die Problematik ist nicht neu und sie ist nicht nur auf Griechenland
beschränkt, sondern lässt sich auch in Italien oder Portugal
beobachten. Ein knausriges, ordnungsliebendes Nordlicht würde an
dieser Stelle wohl anmerken, dass der laxe Umgang mit Staatsgeld
neben Espresso, Wein und Olivenöl zu den Eckpfeilern des mediterranen
Lebensstils gehört. Bevor es den Euro gab, hieß der Ausweg aus dem
Dilemma Abwertung: Ein kleiner Absturz der Lira und schon sah die
Welt besser aus.

Seit dem Beitritt zur Eurozone ist die Flucht in eine billige Währung
nicht mehr möglich. Wer heutzutage seine Wettbewerbsfähigkeit
verbessern (und in Folge den Staatshaushalt sanieren) möchte, muss
intern abwerten, also den Anstieg der Lohnkosten im Verhältnis zu den
erzielten Produktivitätszuwächsen verringern.

Wie so etwas gemacht wird, hat Deutschland im vergangenen Jahrzehnt
vorexerziert. Das deutsche Exportwunder basiert nicht nur auf
Innovation und Strahlkraft der deutschen Produkte, sondern vor allem
auf Zurückhaltung bei den Löhnen. Die Folge war eine Schwächung der
Nachfrage im Inland, die allerdings durch Zugewinne im Ausland
überkompensiert wurde.

Genau diesen Weg müssen die Defizitsünder in der Eurozone nun
beschreiten, wollen sie den Teufelskreislauf aus sinkender
Wettbewerbsfähigkeit und steigender Verschuldung durchbrechen. Berlin
war allerdings in einer glücklichen Lage: Die Konsolidierung wurde zu
einem Zeitpunkt durchgeführt, als die Nachbarn dem Dolce Vita
fröhnten und sich Marktanteile kampflos abjagen ließen. Nun schnallen
aber alle zugleich ihre Gürtel enger - auch die Deutschen, die im
Vorjahr eine Schuldenbremse im Grundgesetz verankert haben. Abwerten
kann man aber nur auf Kosten der Konkurrenz - wenn alle zugleich ihre
Nachfrage drosseln, ist am Ende niemandem geholfen. Und der Ausweg
aus der Krise, der zum Greifen nahe schien, rückt erneut in die
Ferne. Sisyphus lässt grüßen.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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