• 02.02.2010, 18:29:57
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"Die Presse" - Leitartikel: Die Hysterie des Westens und die Urangst Chinas, von Thomas Seifert

Ausgabe vom 3.2.2010

Wien (OTS) - Der Aufstieg Chinas kann nur mit kühlem Kopf gemanagt
werden. Hyperventilieren hilft nicht.

Bei China-Beobachtern gilt eine bipolare Störung beinahe schon als
Berufskrankheit. In der manichäischen Weltsicht ist für Grauwerte und
Zwischentöne wenig Platz: "China - die neue Lokomotive der
Weltwirtschaft hat 2008/2009 die Welt vor einem Wirtschaftskollaps
bewahrt! China, ein Entwicklungsland, das Herkules-Aufgaben
schultert, die Industrienationen erzittern lassen!" Die zweite Gruppe
nicht minder hyperventilierender Schreibtischstrategen tendiert ins
andere Extrem: "Die China-Blase wird bald mit einem gewaltigen Knall
platzen! Pop!!! China - das Imperium der Zukunft auf Kollisionskurs
mit den USA!"
Bevor die Inflation der Ausrufezeichen völlig außer Kontrolle gerät,
kehren wir zurück auf den Boden der Realität und versuchen wir einen
kühlen Blick auf das Reich der Mitte. Im vergangenen Jahr
verschlechterte sich das Klima zwischen den beiden mächtigsten
Ländern der Welt: Der China-Besuch von Barack Obama im November 2009
geriet zum Flop. Dann der Eklat bei der Klimakonferenz in Kopenhagen
im Dezember 2009 und zuletzt der Internetstreit um Google, in den
sich auch Außenministerin Hillary Clinton einschaltete. Der Verkauf
von US-Rüstungsgütern im Wert von sechs Milliarden Dollar an Taiwan
trifft nun wiederum China ins Herz: China betrachtet Taiwan als
abtrünnige Provinz.

Taiwan ist sicherlich das heikelste diplomatische Thema zwischen
beiden Staaten: Nach dem Taiwan Relations Act aus 1979 garantieren
die USA zumindest indirekt die Sicherheit Taiwans, was von der
Volksrepublik China als schwere Einmischung in die inneren
Angelegenheiten gesehen wird. Dass US-Präsident Barack Obama nun auch
den Dalai Lama, den spirituellen Führer der Tibeter, treffen will,
bringt Peking endgültig auf die Palme.
Würde man die chinesische Führung darob als hysterisches Sensibelchen
darstellen, machte man es sich zu leicht - auch wenn die letzten
Wortmeldungen aus Peking einen gewissen Grad an Hybris und Arroganz
erkennen lassen. Zuerst einmal geht es darum, die unterschiedlichen
Themen auseinanderzuhalten: Der Streit um die Meinungsfreiheit -
besser um den Mangel daran -, der sich zuletzt im Google-Streit
manifestiert hat, ist für China wohl der unangenehmste.
Kann sich eine moderne Wissensgesellschaft unter Zensurbedingungen
entwickeln? Kann es Innovation in einer Gesellschaft voller
Denkverbote und Tabus geben? Wohl kaum. Allein schon, um der
grassierenden Korruption Herr zu werden, braucht es eine freche,
lebendige Medienlandschaft, mutige Rechtsanwälte und engagierte
Bürger. Dass es nach dem Urteil gegen den "Charta 08"
Menschenrechtler Liu Xiabao Solidaritätsadressen ehemaliger
hochrangiger Parteikader gab, zeigt die mangelnde Geschlossenheit
unter den chinesischen Politeliten bei diesem Thema.
An der Klimaschutzdiskussion bis hin zur Debatte um Tibet und Taiwan
wird die chinesische Urangst sichtbar: die Angst vor dem Verlust von
Souveränität. Klimaschutz? Ach was, der Westen will so den
industriellen Aufstieg bremsen. Tibet, Taiwan? Einmischung! China hat
dem Westen bis heute die Opium-Kriege des 19. Jahrhunderts nicht
verziehen und sieht das 20. Jahrhundert, das mit der blutigen
Niederschlagung des Boxer-Aufstands begann, als "Ära der Schande und
Erniedrigung".

Letztlich bleibt mit kühlem Kopf festzustellen: China und der Westen
sind ökonomisch aufs Engste verzahnt. Auch wenn beide Seiten einander
politisch nicht grün sind, so bleiben sie wirtschaftliche Partner.
Das Klima zwischen Washington und Peking bleibt 2010 frostig. Aber im
historischen Rahmen ist das Verhältnis beinahe herzlich: Im
Korea-Krieg standen beide Seiten vor einer offenen nuklearen
Konfrontation. Im Vietnam-Krieg freute Mao sich diebisch über den
hohen Blutzoll der Amerikaner. Die Bombardierung der chinesischen
Botschaft in Belgrad im Jahr 1999 durch die USA führte zu
diplomatischen Verwerfungen, gegen die die heutigen
Unfreundlichkeiten lächerlich wirken.
Dennoch: Der Aufstieg Chinas ist wohl die größte geopolitische
Herausforderung für den Rest der Welt und nicht zuletzt für Chinas
Führung. Für den Westen ist es entscheidend, den richtigen Ton im
Umgang mit Peking zu treffen und Respektlosigkeiten zu vermeiden. Für
China gilt: Gibt die Nomenklatura in Peking der Versuchung nach, die
nationalistische Karte zu spielen, dann gerät der patriotische Eifer
der Fèn Qu?ng" ("Wütende Jugend") eines Tages außer Kontrolle -eine
Entwicklung, die ziemlich sicher ins Verderben führen würde.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
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www.diepresse.com

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