OTS0069 / 28.01.2010 / 10:07 / Channel: Chronik / Aussender: Ärztekammer für NÖ
Stichworte: Gesundheit / Medizin / Niederösterreich / Ärzte


Disease Management Programm für Diabetiker endgültig gescheitert

Utl.: NÖ Ärztekammer bedauert, dass die Verbesserungsvorschläge kein Gehör fanden =


   Wien (OTS) - "Wir nehmen mit großem Bedauern zur Kenntnis, dass
das Disease Management Programm Diabetes Mellitus Typ 2 in
Niederösterreich nicht fortgeführt werden kann", so Dr. Christoph
Reisner, Präsident der NÖ Ärztekammer. Bereits im Herbst wurde das
Programm durch den Beschluss des Kammervorstandes gekündigt, da aus
Sicht der Ärztekammer kein Nutzen für Patientinnen und Patienten
ersichtlich war und das Programm nur bürokratischen Zusatzaufwand
seitens der Ärztinnen und Ärzte und in letzter Konsequenz damit sogar
eine Verschlechterung der Versorgung mit sich gebracht hatte.
Zwischenzeitlich hat man sich mit den betroffenen Vertragsparteien
NÖGUS und NÖGKK zusammen gesetzt, um die für eine Weiterführung
notwendigen Optimierungen zu besprechen, die von einer kammerinternen
Arbeitsgruppe ausgearbeitet wurden. "Wir Ärztinnen und Ärzte in
Niederösterreich haben uns bei der Kündigung jedoch nie wie behauptet
gegen die bestmögliche Betreuung unserer Patientinnen und Patienten
ausgesprochen, sondern für die bestmögliche Betreuung. Das wollten
wir mit einer neuen Vereinbarung auch unter Beweis stellen", so der
Ärztekammerpräsident. "Doch unsere Vorschläge wurden von der
Gebietskrankenkasse abgelehnt. Daher hat der Kammervorstand gestern
den Beschluss vom Vorjahr bekräftigt."
Unzumutbare Hürden für Ärzte- und Patientenschaft
   Als beispielhaft für die vorhandenen Probleme beim DMP-Programm
nennt Präsident Dr. Reisner die Schulungsverpflichtung für
teilnehmende Ärztinnen und Ärzte in absoluten Grundlagen des
Arztberufs. "Wir wehren uns gegen die Tendenz, heimlich Hürden und
Zugangsbeschränkungen aufzubauen und diese als Qualitätssicherung zu
deklarieren. Jede Ärztin und jeder Arzt hat gelernt, wie man
Diabetiker behandelt und bildet sich auch regelmäßig in einem
derartig großen Umfang fort, der allen anderen Berufsgruppen fremd
ist. Hier noch zusätzliche Schulungen als Grundvoraussetzung für die
Behandlung zu verlangen reduziert natürlich die Anzahl der
legitimierten Ärztinnen und Ärzte. Wir aber halten es für sinnvoll
und notwendig, dass alle die das nachgewiesenermaßen gelernt haben
auch die Behandlung durchführen dürfen."
Ähnlich war die Situation auf Patientenseite. Die Notwendigkeit einer
Unterschrift seitens der Patientinnen und Patienten hatte dafür
gesorgt, dass es auch hier zu einer "Selektion" kam und gerade die
wirklichen Problemfälle im Rahmen des DMP-Projektes nicht erfasst
werden konnten. "Wir als Vertreter der Ärztekammer wollen jedoch
sichergestellt wissen, dass diese Versorgung für alle Diabetikerinnen
und Diabetiker zugänglich ist und auch in weiterer Folge für alle
Patientinnen und Patienten im Rahmen von vergleichbaren DMP-Projekten
für andere Krankheitsbilder", so Ärztekammerpräsident Dr. Reisner.
Allgemeine Spartendenz greift voll
   Für ihn ist das daher ein klares Zeichen, wie die Verantwortlichen
zur Betreuung von hilfsbedürftigen Patientinnen und Patienten
wirklich stehen. "Mehr als 90 Prozent der betroffenen Patienten in
Niederösterreich wurden im Projekt DMP nicht erfasst. Daher kam es
aus unserer Sicht zu keiner Verbesserung des ärztlichen
Leistungsangebotes. Das Interesse an dem Projekt seitens der
Ärzteschaft war aus diesen Gründen schon immer gering. Genau das
wollten wir ändern. Die Berücksichtigung unserer Vorschläge hätte
daher eine deutliche Verbesserung der Betreuungssituation für alle
Diabetiker gebracht", so der Ärztekammerpräsident weiter.
Traurig ist, dass auch in dieser Angelegenheit die allgemeine
Spartendenz im Gesundheitsbereich voll greift. Begründet wird die
Ablehnung nämlich unter anderem wörtlich "im Hinblick auf die der
Sozialversicherung vorgegebenen Finanzziele". "Übersetzt bedeutet
dies, dass für die Betreuung der Diabetikerinnen und Diabetiker in
diesem Land nicht genügend Geldmittel zur Verfügung gestellt werden",
so Präsident Dr. Reisner weiter. "Gerade wenn wir solche Krankheiten,
die überwiegend ältere Patientinnen und Patienten betreffen zukünftig
effizient behandeln wollen, brauchen wir mehr statt weniger Geld im
Kassensystem. Im wohnortnahen, hausärztlichen Bereich sollten die
Ärztinnen und Ärzte daher auch uneingeschränkt das Wissen anwenden
dürfen, welches zu den elementaren Grundlagen ihres Berufs gehört."
Optimierungsvorschläge seitens der Ärztekammer:
- Die Schulung im administrativen Bereich darf nicht verpflichtend
  sein.
- Eine fachliche Schulung als Zugangsvoraussetzung für den Arzt wird
  abgelehnt. Es darf keine Zugangsbeschränkungen für Ärztinnen und
  Ärzte geben.
- Die Anmeldung der Patienten im Programm mittels Unterschrift des
  Patienten wird abgelehnt, als Alternative wird eine Lösung analog
  der Systematik bei der Vorsorgeuntersuchung angestrebt.
- Notwendige EDV-Module sind dem Arzt kostenfrei zur Verfügung zu
  stellen. Als Alternative für Wahlärzte ohne e-card-Anbindung soll
  die Abwicklung auf Papierbasis ohne den Kostenbeitrag von drei
  Euro erfolgen.
- Eine Ausdehnung auf alle Arten von Diabetespatienten wird
  angestrebt. Sowohl Typ 1 und Typ 2 und zwar unabhängig vom
  Sozialversicherungsträger und Wohnsitz. Heim- und Pflegepatienten
  sind derzeit ausgeschlossen.
- Eine Datenauswertung über ein wissenschaftliches Projekt
  (Vorschlag: Donauuniversität oder Universität Wien) wird
  angestrebt.
- Die Übermittlung der Daten sollte analog der
  Vorsorgeuntersuchungs-Systematik stattfinden.
- Einbindung der Ärztekammer zur Definition der Auswertungsparameter
  ist notwendig.
- Eine individuelle Evaluierung des Patientenverlaufes für den
  behandelnden Arzt muss möglich sein.
- Eine Doppelgleisigkeit von Datenstrukturen muss vermieden werden.
- Die Basisdaten müssen aus der Patientendokumentation
  implementierbar sein.
- Die Etablierung von Qualitätszirkeln für Ärztinnen und Ärzte ist
  unbedingt notwendig: Evaluierung der ausgewerteten Daten,
  Erfahrungsaustausch, dynamische Entwicklung des Systems auf Basis
  von Verbesserungsvorschlägen. Die Teilnahme am Qualitätszirkel ist
  zu honorieren.
- Eine Valorisierung der Honorierung ist zwingend in der
  Vereinbarung vorzusehen.
- Medizinische Inhalte: Triglyceride, Depression, dynamische
  Anpassung entsprechend der Leitlinien, Selbstmessung der Patienten
  muss verpflichtender Bestandteil des Programms werden, keine
  Bindung an Behandlungspfade für die ärztliche Leistung. Angeregt
  werden Bewegungsprojekte, psychologische Begleitung der Patienten,
  eine Familien- und Partnerschulung und die Einbindung der
  Selbsthilfegruppen im regionalen Umfeld.
- Die Modellkonzeption soll mit möglichst geringem administrativem
  Aufwand einher gehen und soweit generell formuliert sein, dass die
  zusätzlich geplanten elf neuen Disease Management Programme nach
  der gleichen Systematik vom Arzt abwickelbar sind.
Rückfragehinweis:
   Pressestelle, Michael Dihlmann, Tel. 0664/1449894, presse@arztnoe.at, www.arztnoe.at 
http://www.ots.at/pressemappe/29
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