OTS0191 / 20.01.2010 / 13:12 / Channel: Politik / Aussender: Kathpress
Stichworte: KATHPRESS / Politik / Soziales / Verteilungsgerechtigkeit


"Sozial- und Steuerpolitik mehr an Familien ausrichten"


utl: Direktor des kirchlichen Instituts für Ehe und Familie, Danhel, 
forderte bei Enquete im Parlament über Verteilungsgerechtigkeit 
steuerfreies Existenzminimum für jedes Familienmitglied - 
Landau: Politik soll mehr Augenmerk auf Armutsbekämpfung legen =
   Wien, 20.01.2010 (KAP) Für eine umfassende Neukonzeption der 
österreichischen Familien-, Steuer- und Sozialpolitik hat der 
Direktor des kirchlichen Instituts für Ehe und Familie (IEF), Prof. 
Günter Danhel, plädiert. Es brauche Konzepte, mit denen - "über den 
nächsten Wahltag hinaus" - mehr Verteilungs- und 
Leistungsgerechtigkeit hergestellt werden könne, so Danhel am 
Mittwoch bei einer Enquete des Nationalrats zum Thema "Verteilungs- 
und Leistungsgerechtigkeit in Österreich: Transparenz und Fairness". 
Die Neukonzeption des Steuersystems müsse etwa ein steuerfreies 
Existenzminimum für jedes Familienmitglied beinhalten, so Danhel. 
Dazu komme, dass die Finanzierungsgrundlage für den 
Familienlastenausgleichsfonds (FLAF) einer nachhaltigen 
Konsolidierung bedürfe. 
Dass Kinder einen positiven Effekt für die ganze Gesellschaft haben 
und den Generationenvertrag garantieren, sei der Grundgedanke des 
Familienlastenausgleichs. Bei diesen Überlegungen gehe es aber immer 
um einen "horizontalen" Ausgleich zwischen denen, die Verantwortung 
für Kinder tragen und den Kinderlosen - nicht um den Ausgleich 
zwischen "arm" und "reich", hielt der IEF-Direktor fest: "Das ist 
der fundamentale und oft übersehene bzw. missverstandene Unterschied 
zwischen familienpolitischen und sozialpolitischen Zielen, die zu 
ihrer Sicherstellung jeweils adäquater Maßnahmen bedürfen." 
Der Familienlastenausgleich müsse zudem zu einem 
Familienleistungsausgleich weiterentwickelt werden, forderte Danhel. 
Voraussetzung dafür sei die bessere Wahrnehmung, Bewertung und 
Abgeltung von Leistungen wie Erziehung, Betreuung und Pflege, die in 
und durch Familien erbracht werden. 
"'Rush hour' des Lebens entlasten" 
Der IEF-Direktor stellte auch massiv die oft geforderte 
Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit in Frage, wo oft 
eindimensional auf eine möglichst frühe Rückkehr der Mutter in die 
Erwerbsarbeit nach der Geburt gedrängt werde. Danhel wörtlich: "Wäre 
es nicht sinnvoll, angesichts steigender Lebenserwartung über ein 
Vereinbarkeitsmodell des Nacheinanders von Phasen der Familien- und 
Erwerbsarbeit von Männern und Frauen nachzudenken - statt des 
Nebeneinanders in der 'rush hour' des Lebens im Alter zwischen 25 
und 40, wo sich viele durch die Entscheidung pro Erwerbsarbeit 
gleichzeitig contra Kind entscheiden?" 
Zudem wäre es auch hoch an der Zeit, andere Lebensverdienstkurven 
als bisher einzuführen und die Ebenbürtigkeit von Familien- und 
Erwerbsarbeit sollte stärker als bisher angestrebt und gefördert 
werden. 
In der Sozialversicherung sollten Kinder viel stärker als bisher 
Berücksichtigung finden, forderte Danhel. Bislang sei das 
fundamentale Grundprinzip der Generationengerechtigkeit, der 
"nachwachsenden" Generation zumindest die gleichen Lebenschancen zu 
ermöglichen wie der Generation vor ihr, vernachlässigt worden. So 
werde beispielsweise ein Einkommen aus unselbständiger 
Erwerbstätigkeit mit 4,5 Prozent für die noch nicht im Erwerbsleben 
stehende Generation belastet, aber mit 22,8 Prozent für die 
Pensionisten, rechnete der IEF-Direktor vor. 
"System beutet Familien aus" 
Neben Danhel kam u.a. auch der deutsche Sozialrechtsexperte Jürgen 
Borchert zu Wort, der zuvor schon in einem Interview für die "Kleine 
Zeitung" (Mittwoch-Ausgabe) deutliche Worte zum - aus seiner Sicht - 
unfairen Steuer- und Beihilfensystem für Familien gefunden hatte: 
"Der Staat besteuert das Existenzminimum der Kinder und sagt dann: 
Wir geben euch dafür Kindergeld. Das ist eine Facette der 
Intransparenz, die der Staat nützt, um in Spendierhosen zu schlüpfen 
und zu tun, als ob er etwas schenkt. Das hat er zuvor geklaut. Wenn 
ich ein Abgabesystem habe, das Familien stärker belastet als 
Haushalte ohne Kinder, werden die gewährten Geschenke großteils von 
den Familien selber bezahlt. Das ist das Drama. Dieses System beutet 
Familien aus." 
Kinder würden bei der Lohnsteuer, den Sozialabgaben und den 
Verbrauchssteuern nicht korrekt berücksichtigt, so Borchert: "Wenn 
Sie eine Maschine aufstellen, können Sie vom Staat alle 
Verbrauchssteuern zurückfordern, die beim Kauf angefallen sind. Bei 
der wichtigsten Investition, bei Kindern, aber nicht. Je mehr Sie 
für ein Kind ausgeben, desto mehr werden Sie benachteiligt, weil der 
Staat über die Mehrwertsteuer zulangt. Und er langt weiters zu, weil 
die realen Aufwände für Kinder auch bei der Lohnsteuer nicht 
berücksichtigt werden." 
Als notwendige Korrekturmaßnahmen führte der Sozialrechtsexperte an, 
dass die Kindererziehung bei der Pensionsversicherung und 
Krankenversicherung in Geldbeiträgen bewertet werden müsste. Es 
müsse Abzüge für Eltern geben auf der Beitragsseite und später eine 
höhere Pension. Borchert: "Kinder müssen für die Pension wirksamer 
werden." 
Dass dies bisher nicht passiert sei, führte der Sozialexperte auf 
die grundlegend Missachtung der Kindererziehung im ökonomischen 
Bewusstsein zurück: "Unsere Ökonomie nimmt nur wahr, was über den 
Markt läuft und das Produkt Kindererziehung ist nicht marktfähig. 
Das ist der große blinde Fleck unseres Systems." 
 (ende)
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