- 02.12.2009, 18:13:51
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"Die Presse" Leitartikel: Faymann, die Moral und der Kapitalismus, von Norbert Rief
Ausgabe vom 03.12.2009
Wien (OTS) - Der Bundeskanzler hat mit seiner Idee für eine
Gehaltsobergrenze für Manager einen richtigen Schritt getan.
Peter Michaelis hat vermutlich schon nettere Vormittage verbracht als
den gestrigen. Da musste er in der Hofburg sitzen und Werner Faymann
applaudieren, der seine Firma, die ÖIAG, abschaffen will. Und dann
kam vom Bundeskanzler auch noch die Idee, die Managergehälter auf
500.000 Euro zu beschränken. Kein Wunder, wenn der Chef der
Industrieholding mit seinen etwa 700.000 Euro Gehalt etwas säuerlich
dreinschaute.
Er kann entspannt sein. Denn zweifellos wird früher die ÖIAG
abgeschafft, als es eine Beschränkung seines Gehalts gibt. Die ÖVP
ließ schon wissen, dass man der sozialistischen Idee des
Bundeskanzlers wenig abgewinnen kann: Eine solche Obergrenze sei
nicht nur widersinnig, sondern auch verfassungswidrig, weil sie zu
Diskriminierung führe.
Man muss die Idee Faymanns nüchtern sehen. Dem SPÖ-Chef laufen die
Wähler zu zehntausenden davon, und in der Steiermark revoltieren die
Genossen, weil sie mehr Fundamentalismus an der Parteispitze sehen
wollen. Ein Gehaltslimit ist da noch die gemäßigste Forderung, mit
der man einerseits die in den Startlöchern scharrenden Klassenkämpfer
ruhigstellen und ein sozialdemokratisches Signal an die Wähler
schicken kann.
Es stimmt schon, dass es viele gute Gründe gibt, die gegen die
Einführung einer 500.000-Euro-Grenze sprechen: Was gehen den Staat
die Verträge einer Privatfirma an; wer gut arbeitet, solle gut
verdienen; das Gehalt eines Managers richte sich nach seinem
Marktwert; für geringere Summen bekomme man keine guten Manager, frei
nach der US-Weisheit: "If you pay peanuts, you get monkeys."
Ob 500.000 Euro wirklich nur "Erdnüsse", also ein Klacks, sind, für
die nur "Affen" arbeiten, ist eine ganz andere, philosophische
Diskussion, in der es um moralische Einkommen und die Frage geht, wie
viel ein Menschen wert ist. Nach der Faymann-Idee kann ein
Aufsichtsrat einem Manager ja weiterhin mehr als 500.000 Euro
bezahlen - die Firma kann es nur nicht mehr von der Steuer absetzen.
Was soll daran schlecht sein? Wenn ein Manager tatsächlich so gut
ist, dass er 700.000, eine Million oder noch mehr Euro verlangen
kann, dann wird er zweifellos auch mehr erwirtschaften, als er an
Kosten verursacht. Außerdem bleiben die Boni unangetastet - und das
ist zugleich die große Krux an der Idee Faymanns.
Denn nicht die Gehälter sind es, die in der Bevölkerung für
berechtigte Empörung sorgen, sondern die Bonuszahlungen. Kaum hat
sich die Wall Street auch nur leicht erholt, werden schon wieder
Millionen an die Mitspieler ausgeschüttet. Goldman Sachs
beispielsweise legt heuer die unvorstellbare Summe von 17 Milliarden
Dollar für Bonuszahlungen auf die Seite: Jeder Mitarbeiter darf im
Durchschnitt mit einer Million Dollar rechnen.
Bevor die Investmentfirma Lehman Brothers krachen ging, kassierte
deren Chef Dick Fuld noch schnell 20 Millionen Dollar. Und auch bei
Merrill Lynch holten sich die vier Topmanager 121 Millionen Dollar
Belohnung, bevor man die Investmentfirma wegen Liquiditätsproblemen
an die Bank of America verkaufen musste.
Eine der tatsächlich wichtigeren Ideen versteckte Faymann hinter dem
gschmackigeren Schlagwort der 500.000-Euro-Grenze: Die Überlegung,
wie man mit den Aktienoptionen der Manager umgehen soll. Derzeit ist
nämlich die Verlockung groß, mit Einsparungen kurzfristig viel Geld
zu machen, um am Ende mit den Aktien viel zu verdienen. Die SPÖ
möchte die Behaltefrist von zwei auf vier Jahre verlängern, um diesen
Egoismen zumindest teilweise vorzubauen.
Wäre Faymann konsequent und hätten ihm seine Berater noch etwas mehr
Kanten geschliffen, dann hätte er gestern ein Bonus-Malus-System
vorgestellt: Dann könnte ein Herr Fuld nicht Millionen kassieren,
obwohl er eine Firma in den Abgrund gefahren hat. Dann hätte auch ein
Alfred Ötsch nicht 1,1 Millionen Euro dafür bekommen, die AUA auf
einen Wert von "weniger als nichts", wie diese Zeitung schrieb, zu
reduzieren. Dann hätte sich aber jemand wie der einstige Porsche-Chef
Wendelin Wiedeking nicht dafür schämen müssen, 60 Millionen Euro zu
erhalten. Als er Porsche übernahm, machte die Firma 120 Mio. Euro
Verlust. Als er 2007 den Bonus kassierte, schrieb sie einen Gewinn
von 4,2 Milliarden Euro.
Werner Faymann hat einen richtigen Schritt zur Moralisierung des
Kapitalismus gemacht. Bleibt abzuwarten, wie weit er damit kommt.
Rückfragehinweis:
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Tel.: (01) 514 14-445
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