- 01.12.2009, 17:30:11
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Zwei-Klassen-Polizei"
Ausgabe vom 2. Dezember 2009
Wien (OTS) - Bei einer Diskussion in der Industriellenvereinigung
über sozialen Frieden sagte der Bauindustrielle Hans-Peter
Haselsteiner: "Ich will nicht leben wie in Rom, wo die Reichen hinter
Mauern und Stacheldraht in Luxus-Ghettos leben." Sein Credo: Je
gerechter eine Gesellschaft, desto größer ist auch die Sicherheit,
die sie bietet.
Eine solche Einstellung gibt nicht nur den Bürgern Sicherheit,
sondern ist auch für die Polizei deutlich komfortabler. Viel ist die
Rede von Zwei-Klassen-Medizin, es gibt mittlerweile auch eine
Zwei-Klassen-Bildung - eine Zwei-Klassen-Polizei hat es bisher nicht
gegeben.
Die abenteuerliche Geschichte rund um den Flick-Sarg - so ekelhaft
die Idee ist, einen Sarg zu entführen - offenbart nun auch dies. Eine
besonders reiche Familie hat sich nicht länger auf die Polizei
verlassen. Sie hat sich auf private Sicherheitsdienste gestützt, dem
Vernehmen nach betrieben von ehemaligen Polizeioffizieren. Ihnen
standen technische Möglichkeiten zur Verfügung, die eigentlich - und
mit Recht - der Staatsgewalt vorbehalten sind. Mit deren Hilfe wurden
der Sarg und die Entführer aufgespürt. Die staatliche Exekutive hatte
zu diesem Zeitpunkt die Ermittlungen bereits eingestellt.
Jedes Jahr verschwinden Jugendliche - ihre Familien haben nicht die
finanziellen Mittel, die Suche mit solchem Aufwand privat zu
betreiben. Wenn sich die Reichen aber nun auch eine Luxus-Sicherheit
leisten können und dürfen, und das offizielle Österreich schaut dabei
zu, ist es mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht mehr weit
her.
Das Vertrauen in die staatlichen Justiz- und Sicherheitsorgane ist
ein Pfeiler des Rechtsstaates. Es sollte daher weder Justiz- noch der
Innenministerin egal sein, wenn solche Pfeiler ausgehöhlt werden.
Dieses Mal war es ein Sarg, das nächste Mal ist es ein privat
gesichertes Reichen-Ghetto. Private Sicherheitsfirmen mögen
Supermärkte und Groß-Baustellen bewachen - unbewaffnet. Alles andere
sollte verboten sein und geächtet bleiben. Die Sicherheit eines
Landes muss für alle Bürger gelten und dürfte mit dem Vermögen eines
Einzelnen nichts zu tun haben.
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