- 20.11.2009, 12:53:10
- /
- OTS0224 OTW0224
Neues Sachbuch über Wiens Kunst im öffentlichen Raum
Wien (OTS) - Wenn man sich sämtliche Kunstobjekte des öffentlichen
Raums als Verwandtschaft vorstellt, dann sind die Sähmänner,
Wissenschaftler, Bauern, Mütter und herum springenden Kinder der
"Kunst am Bau"-Phase der gemiedene Familienteil. Den einfältigen
Verwandten, die bis heute übermenschlich groß an den Hauswänden ihren
zementierten Optimismus in die Straße strahlen, folgt heute niemand
mehr. Zu sehr haftet diesen Wandmalereien und Großmosaiken der Geruch
des Kitsches und der Verdacht des Übertünchens an. Der in
schrill-gelbem Umschlag auftretende "Wem gehört die
Stadt?"-Sammelband widmet ihnen folgerichtig nur Text, kaum Bild.
Folgt man den anschaulich geschriebenen Kurzessays von Thomas
Edlinger und Anja Lungstraß - angesichts der für Laien kaum
übersehbaren modernen Kunsttheorien keine Kleinigkeit -, dann macht
das auch Sinn, setzt doch das Buch bewusst im Jahr 1968 an, dem Jahr,
als es den Bauern und Familienvätern ebenso an den Kragen ging wie
den Museen, denen man immer öfter einen "antidemokratischen"
Sammlungsauftrag und ein entsprechendes abgehobenes Selbstverständnis
unterstellte. Im Gegenzug dafür wurde die Strasse, kurz: der
öffentliche Raum entdeckt, genutzt, erobert und wieder abgeräumt. So
gesehen legt "Wem gehört die Stadt?" beim ersten oberflächlichen
Durchblättern vielleicht auch ein falsche Spur, suggeriert doch das
270-Seiten-Buch, dass diese neue Kunst von Anfang an gesellschaftlich
und behördlich willkommen geheißen wurde. 1965, als Günter Brus weiß
bemalt durch die Innenstadt wanderte, wurde er wegen Erregung
öffentlichen Ärgernisses zur Geldbuße gezwungen, auch der nächste
Spaziergang von Valie Export mit Peter Weibel an der Leine zog
entrüstete Empörung nach sich. Auch 1973, als Walter Seethaler mit
seiner Zettelpoesie an Bahnhöfen oder später U-Bahn-Stationen begann,
kam es bald zum antilyrischen Auftreten der öffentlichen Hand. Den
Autoren, wie auch dem hervorragend gemachten Buch - die Dokumentation
besorgte das Institut für angewandte Kulturforschung unter Leitung
von Veronika Ratzenböck - ist daraus kein Vorwurf zu drehen, zumal
sie an die Erregungen und Empörungen erinnern.
Vielmehr wurde mit der Publikation und der abrufbaren
KÖR-Datenbank ( www.koer.or.at/index ) wirkliche Grundlagenarbeit
geleistet. Deutlich wird das, wenn man sich mit Edlinger und
Ratzenböck darüber unterhält; über die Konfusion des Zusammentragens,
über die Lücken der Dokumentationen, kurz: über die Nachlässigkeit
archivarischer Fragestellungen, aber auch darüber, was nun alles
unter dem Begriff zu subsumieren sei. Auch das heute gängige
handfeste Nutzen des öffentlichen Raums, der Fassade durch die Museen
selbst? Nun, alles konnte gelöst und bewerkstelligt werden, und das
gelbe publizistische Ende überzeugt: Allein die gut 160 im Buch
dokumentierten Kunstwerke unterstreichen, in welcher Fülle man
heutzutage öffentlicher Kunst begegnet. In den U-Bahn-Stationen der
Wiener Linien ebenso wie beim Abgang der Rahlstiege, im
Museumsquartier sowieso. Der "Skulpturenpark", der bis in die 80er
Jahre die Vorstellung von Kunst im öffentlichen Raum prägte, hat sich
zwischenzeitlich deutlich ausdifferenziert. Auch der Katalysator der
Wiener Festwochen, die früher maßgeblich auch diesen Kunstaspekt
befördert haben, ist gegenwärtig nicht vonnöten.
Viele der geförderten Aktionen gab und gibt es nur zeitlich
begrenzt: So gesehen ist "Wem gehört die Stadt?" neben aller
Dokumentation dennoch ein wunderbares Durchblätter-Buch geworden, wo
man sich selbst an Gesehenes, Bestauntes und auch Unverstandenes
erinnert, sei es die rot angemalte Secession vor ihrer Sanierung
(1998), sei es "Delete! Die Entschriftung des öffentlichen Raums"
(2005), als in der Neubaugasse sämtliche Werbeträger gelb ummantelt
"verschwanden" und zugleich ihre Präsenz verdeutlichten. Franz Wests
"Vier Lemurenköpfe" beim MAK finden sich ebenso wie Fotos von Hubsi
Kramers "Hitler"-Performance im Jahr 2000 beim Opernball, detto
natürlich auch Schlingensiefs Container-Aktion.
Kritisch-aufklärerische Befragungen der Nazi-Zeit wie auch deren
Nachwirkungen nehmen aber keineswegs den Großteil ein: "Wem gehört
die Stadt?" erinnert ebenso an kleinere Aktionen mit anderen, etwa
sozialpolitischen Themensetzungen, seien es Kunstaktionen im Rahmen
des Festivals "Soho in Ottakring" oder Joep van Lieshouts
einprägsamer "Wellness Skull" im vergangenen Jahr. Thomas Edlinger,
der als Radio-Journalist und Kurator arbeitet, - die
Kunsthallen-Schau "The Porn Identity" stammt etwa von ihm -, aber
auch Anja Lungstraß haben dem Werk keine simplen Textgirlanden
umgehängt, vielmehr sind ihre Zusammenfassungen durchdachte Wegweiser
in einer städtisch-öffentlichen Kunst-Landschaft, die ohne solche
Markierungen für so manchen unverständlich bleiben würde.
o Infos über KÖR auch unter: www.koer.or.at
KÖR-Kunst im öffentlichen Raum (Hg.) "Wem gehört die Stadt? Wien
- Kunst im öffentlichen Raum seit 1968", Verlag für moderne Kunst
Nürnberg ( www.vfmk.de ) 2009, 272 Seiten, Euro 38, ISBN
978-3-85247-079-5(Schluss) hch
Rückfragehinweis:
PID-Rathauskorrespondenz:
www.wien.at/vtx/vtx-rk-xlink/
Mag. Hans-Christian Heintschel
Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien (MA 53)
Telefon: 01 4000-81082
Mobil: 0676 8118 81082
E-Mail: [email protected]
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | NRK






