- 17.11.2009, 18:02:14
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"Die Presse" - Leitartikel: Die Sozialpartner vom Land hinter dem Mond, von Franz Schellhorn
Ausgabe vom 18.11.2009
Wien (OTS) - Angesichts der schweren Wirtschaftskrise wäre schon
eine Nulllohnrunde als freundliche Geste zu werten gewesen.
Der deutsche Gewerkschaftsboss Berthold Huber gilt gemeinhin als
zäher Bursche. Was ihn aber noch nicht zum sturen "Hardliner" macht.
So kündigte der Chef der deutschen Metaller zu Beginn des Jahres an,
dass sich die Gewerkschaft angesichts der schweren Rezession durchaus
vorstellen könne, Lohnerhöhungen auf bessere Zeiten zu verschieben.
Um zu verhindern, dass höhere Arbeitskosten ohnehin schon
strauchelnden Unternehmen das Kreuz brechen, wodurch tausende
Beschäftigte schnurstracks in die Arbeitslosigkeit befördert würden.
Wenige Monate (und eine deutliche Verschärfung der Krise später)
schlagen Österreichs Arbeitgeber und Arbeitnehmer einen anderen Weg
ein. Sie erhöhen die Löhne der Metallarbeiter um 1,5 Prozent.
Allerorts wird den Verhandlern für den geglückten Abschluss
applaudiert, am lautesten freilich aus den eigenen Reihen. So freut
sich ÖGB-Chef Erich Foglar über den erbrachten Beweis, dass die
Sozialpartnerschaft auch in schwierigen Zeiten funktioniere. Und die
Vertreter der Wirtschaft zeigen sich zufrieden, weil in den Betrieben
nun wieder so etwas wie Planungssicherheit herrsche, wie
Arbeitgeberverhandler Hermann Haslauer nach den stundenlangen
Verhandlungen räsonierte.
Da hat er wohl recht. Die Betriebe können tatsächlich wieder planen.
Mit deutlich höheren Arbeitskosten und einer reduzierten Belegschaft
zum Beispiel. Eineinhalb Prozent mehr Lohn klingt zwar nach nicht
sehr viel, ist aber in Zeiten mit Umsatzrückgängen von bis zu 40
Prozent so etwas wie ein Arbeitsplatzvernichtungsprogramm mit
Erfolgsgarantie.
Angesichts schlecht ausgelasteter Kapazitäten wirken höhere Löhne
nämlich wie ein Multiplikator. Aufgrund anfallender Stehzeiten
mangels Aufträgen sinkt nämlich die Produktivität, weshalb die
Arbeitskosten weit stärker steigen, als die Lohnverhandlungen
vermuten lassen. So verteuerten die Lohnerhöhungen von 3,8 Prozent im
Vorjahr den Faktor Arbeit in Österreich um 5,3 Prozent je Stunde, wie
das europäische Statistikamt Eurostat Mitte September errechnete.
Das wiederum bedeutet, dass die schwer gebeutelte Industrie
ausgerechnet in den zwei Jahren der schwersten Wirtschaftskrise
Arbeitskostensteigerungen von zumindest sieben Prozent zu schultern
hat. Und das auch noch ganz freiwillig - immerhin ist es erst nach
ihrer Zustimmung zu den Abschlüssen gekommen. Entweder hat uns die
Industrie wider besseres Wissen monatelang die Ohren über die
katastrophale Auftragslage vollgejammert - oder deren Lohnverhandler
leben hinter dem Mond.
Dabei hätten sie sich in ihrer Strategie auf einen langjährigen
Verhandlungsführer der Gegenseite berufen können. Schließlich war es
der legendäre Gewerkschaftschef Anton Benya, der eine Faustregel zur
fairen Verteilung des Erwirtschafteten formulierte. Derzufolge wird
den Arbeitnehmern die volle Inflationsrate abgegolten und die Hälfte
der wachsenden Produktivitätsgewinne überlassen. Angesichts einer
kaum sichtbaren Teuerung sowie einer deutlich negativen Produktivität
wäre - frei nach Benya - schon eine Nulllohnrunde als freundliche
Geste vonseiten der Arbeitgeber zu verstehen gewesen.
Der Umstand, dass die Gewerkschafter 1,5 Prozent herausholten und
auch noch alle Forderungen einer weiteren Flexibilisierung der
Arbeitszeit abschmettern konnten (etwa die Ausdehnung der Zeiträume,
in denen Überstunden durch Freizeit ausgeglichen werden dürfen),
unterstreicht die neue Stärke des ÖGB ziemlich eindrucksvoll. Die
Gewerkschaft hat nicht nur für die Metaller mehr als das Bestmögliche
getan, sondern gleich für alle heimischen Arbeitnehmer. Schließlich
ist der Metaller-Abschluss Messlatte für alle weiteren
Lohnverhandlungen.
Und diese Gespräche dürften nicht unspannend werden. Zum Beispiel
jene mit den zwei Millionen Pensionisten, die schon vor den
Metaller-Verhandlungen um knapp zwei Prozent höhere Renten forderten.
Oder jene mit den rund 350.000 Beamten, denen jetzt wohl niemand mehr
schlüssig erklären kann, warum sie sich mit weniger als 1,5 Prozent
mehr Lohn zufriedengeben sollten. Zumal sie sich bei ihren
Verhandlungen auf niemand Geringeren als Wirtschaftsminister Reinhold
Mitterlehner (ÖVP) berufen können, der nach dem Metaller-Abschluss
gemeint hat: "Den Verhandlern ist ein maßvoller Abschluss gelungen,
der sowohl auf die Kaufkraft der Arbeitnehmer als auch auf die Lage
der Betriebe Rücksicht nimmt."
Da kann für die Beamtengewerkschaft ja eigentlich nicht mehr viel
schiefgehen.
Rückfragehinweis:
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Tel.: (01) 514 14-445
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