Graz (OTS) - Dieses Europa muss ein paradiesischer Erdteil
sein, wenn schon ein stilles religiöses Symbol an der Wand als
Verstoß gegen die Menschenrechte klassifiziert wird. Schön, wenn
keine schwereren Verstöße vorliegen. Der Europäische Gerichtshof für
Menschenrechte befand, dass das verpflichtende Anbringen von
Kruzifixen in Italiens Schulen die Religionsfreiheit der Schüler
verletze.
Das obligatorische Kreuz gefährde das "kritische Denken" der
Jugendlichen und richte sich gegen den "erzieherischen Pluralismus",
heißt es in der Begründung. Sie ist so mutwillig wie das Urteil
selbst. Mit diesen Richtern ist der laizistische Gaul durchgegangen.
Das Urteil wird das Abendland nicht zu Fall bringen, aber ein
Ärgernis bleibt es allemal: Es spielt den falschen Eiferern in die
Hände und schürt das Ressentiment, das anti-europäische wie das
anti-muslimische - beides zu Unrecht, denn weder war die klagende
Mutter eine Muslimin noch hat das Gericht etwas mit der EU zu tun.
Richtig ist: Der Staat muss über den Konfessionen stehen. Jeder
Bürger muss frei sein, zu glauben oder nicht zu glauben. Es steht dem
Staat nicht zu, in die Entscheidung einzugreifen. Er verordnet weder
den Glauben noch den Nicht-Glauben. Er darf niemanden wegen
Religionszugehörigkeit oder Religionsferne benachteiligen. Glauben
und glauben lassen, nicht glauben und glauben lassen, das sind die
Axiome der Toleranz, die ein demokratischer Staat zu hüten hat.
Das heißt freilich noch lange nicht, dass sich ein Staat deshalb
seiner Identität und seiner kulturellen Prägungen entledigen muss.
Selbstverleugnung ist keine Vorbedingung für Toleranz. Im Gegenteil:
Wer Religiosität und Rückbezüge auf sein Fundament achtet, wird auch
die religiöse Bindung des anderen eher respektieren.
Das Christentum hat - ungeachtet der dunklen Momente seiner
Geschichte - der europäischen Kultur ihre vitale Mitte gegeben. Wenn
Europa dieses Erbe verliert, schreibt der Philosoph Robert Spaemann,
dann bleibe ihm nur noch der banale Nihilismus und somit "das Ende
jeder Kultur", die diesen Namen verdiene.
Das Kreuz als identitätsrelevantes Sinnbild sichtbar zu machen und
zuzulassen, bedeutet also Bekenntnis zu Herkunft und nicht
Diskriminierung. Das Kruzifix in der Schule nötigt zu nichts. Wie
viele nehmen es wahr? Schon gar nicht schränkt es jemandes Freiheit
ein. Es ist so wenig repressiv wie das Gipfelkreuz oder die
christlichen Feiertage. Auch sie müsste man verbannen und verräumen,
wenn man der rabiaten Logik der Strassburger Richter folgt. So möchte
man Religionsfreiheit nicht verstanden wissen. ****
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