• 30.10.2009, 14:31:02
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Weltklimakonferenz: Leonardo Boff warnt in Wien vor Scheitern

Pressekonferenz der "Dreikönigsaktion" der Katholischen Jungschar mit dem brasilianischren Befreiungstheologen - Mangelnde Umweltsensibilität Präsident "Lulas" beklagt

Wien, 30.10.2009 (KAP) Der brasilianische "Befreiungstheologe"
Leonardo Boff hat in Wien bei einer von der "Dreikönigsaktion" der
Katholischen Jungschar veranstalteten Pressekonferenz auf die
Notwendigkeit eines verstärkten Engagements gegen den Klimawandel
hingewiesen. Die bevorstehende UN-Klimakonferenz in Kopenhagen
könnte das "wichtigste Treffen in der Geschichte des 21.
Jahrhunderts" werden, meinte der Theologe. Bei einem Scheitern des
UN-Plans zur Reduktion der Erderwärmung würden nämlich "Millionen
Menschen" sterben.

Gemeinsam mit Boff, der heute Leiter des Menschenrechtszentrums CDDH
in Petropolis ist, sprach die Koordinatorin der "Kommission für
Landseelsorge" (CPT) der Brasilianischen Bischofskonferenz, Marluce
Melo. Sie wies auf die dramatischen Folgen der Ausweitung der
Anbauflächen für Zuckerrohr zur Ethanolgewinnung hin. Die Erzeugung
des "Biotreibstoffs" sei mit Abholzung, De-facto-Sklavenarbeit,
Vertreibungen, Flussverschmutzung und Blockade einer Landreform
verbunden.

In seiner Heimat Brasilien sei die Kirche für die sozialen und
ökologischen Fragen sensibel, weil sich auch die meisten anfangs
"konservativen" Bischöfe zur befreiungstheologischen Linie "bekehrt"
hätten, berichtete Boff. Er habe auch in der Zeit des vom Heiligen
Stuhl verordneten "Bußschweigens" und nach seinem Ausscheiden aus
dem Priesteramt in der Kirche Brasiliens immer Kardinäle und
Bischöfe gefunden, mit deren Hilfe er rechnen konnte.

Insbesondere würdigte Boff die Bischöfe Pedro Casaldaliga und Erwin
Kräutler. Casaldaliga sei der letzte aus der Generation der
"Propheten" in der brasilianischen Kirche: "Er wird mit dem Tod
bedroht und macht trotzdem weiter".

Bischof Kräutler sei ein "lebendiger Märtyrer", sagte Boff. Er habe
einen Mordversuch durch einen inszenierten Verkehrsunfall überlebt.
Wichtig sei die gute Verbindung Kräutlers in den
österreichisch-süddeutschen Raum und seine Option für die Landlosen
und die Opfer der Großgrundbesitzer.

Der Theologe wies darauf hin, dass heute die Zukunft der Kirche oder
des Christentums nicht die entscheidende Frage sei. Es gehe vielmehr
um die Zukunft der Erde und ihrer Bewohner.

Der derzeitige brasilianische Präsident Luis Inacio "Lula" da Silva
sei bedauerlicherweise im Umweltbereich "völlig unsensibel", so
Boff. Der Präsident habe sich andererseits große Verdienste bei der
Einbeziehung von armen Bevölkerungsschichten erworben; so habe sich
die Kluft zwischen Arm und Reich während seiner achtjährigen
Regierungszeit um 17 Prozent reduziert, was "ohne Beispiel in der
Geschichte Brasiliens ist". Durch die verschiedenen Sozialprogramme
seien 50 Millionen "Marginalisierte" in die Gesellschaft integriert
worden. Leider setze der Präsident aber ganz auf ein Programm der
"Beschleunigung des Wachstums", ohne die Auswirkungen im Bereich der
Ökologie zu bedenken. Dabei sei Brasilien wegen seiner großen
Regenwälder für das Weltklima ein zentraler Hotspot.

Dankbarkeit äußerte Leonardo Boff für die Hilfe der österreichischen
"Dreikönigsaktion". Diese sei sehr wichtig für das CDDH-Zentrum in
Petropolis, das acht "gut organisierte" Projekte für soziale
Randgruppen durchführe, u.a. die Erzeugung von Schmuck und Kunst aus
Abfällen durch Jugendliche.

Boff betonte die Wirksamkeit der Befreiungstheologie in den
Basisgemeinden und sozialen Bewegungen vieler Länder. Ein
eindrucksvoller Beweis sei die Zusammenkunft von 1.000
Befreiungstheologen beim letzten Weltsozialforum in Belem do Para im
vergangenen Jänner gewesen. Die Grundfrage sei für alle: "Wie kann
man Gott als guten Vater verkünden in einer Welt voller
Ungerechtigkeit und Unterdrückung?" Die Theologie der Befreiung sei
die erste Theologie, die von Anfang an ökumenisch, weltweit und "vom
Rand kommend" gewesen sei.

Befragt zu seinen Erfahrungen mit dem Menschen, Theologen und Papst
Benedikt XVI. hob Boff seine große Wertschätzung für Joseph
Ratzinger aus dessen Zeit in München hervor: "Ich habe ihn sehr als
Theologen geschätzt, weil ich viel von ihm gelernt habe. Ich habe
ihn auch im Vorwort zu meiner Dissertation gewürdigt. Er hat mich
auch mit 14.000 D-Mark unterstützt und einen Verleger für mich
gesucht, damit ich meine Arbeit veröffentlichen konnte".

Als Ratzinger dann Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation
geworden sei, habe er eine andere Theologie vertreten, nämlich "die
Amtstheologie", so Boff: "Ich glaube, dass er im Inneren eine
Trennung vorgenommen hat zwischen seiner eigenen Theologie und der
offiziellen Theologie, die im Namen der amtlichen Autorität gelehrt
wird".

Sehr bedauerlich sei, dass unter Ratzinger 112 Theologen
sanktioniert worden seien - durch Bußschweigen, Lehrverbot oder
Aufforderung zum Widerruf: "Das ist eine peinvolle Situation für die
Theologie".

Als Papst sei Joseph Ratzinger jemand geworden, der versuche, "die
Kirche nach innen aufzubauen, nicht nach außen". Es sei zu hoffen,
dass er nicht als derjenige in die Geschichte eintritt, der "die
Theologie der Armen verboten hat".

Leonardo Boff wurde im Vorjahr 70. Er war in den achtziger Jahren
der prominenteste Vertreter der lateinamerikanischen Theologie der
Befreiung. Das 1981 erschienene Buch "Kirche: Charisma und Macht"
des mittlerweile aus dem Priesteramt ausgeschiedenen Franziskaners
führte 1985 zu einem Rede- und Lehrverbot durch den Vatikan. Als er
1992 erneut gemaßregelt wurde, trat Boff aus dem Franziskanerorden
aus.

Boff hatte in den sechziger Jahren an europäischen Universitäten
studiert, darunter beim Jesuiten Karl Rahner in München. 1970
schrieb er seine Doktorarbeit u.a. bei Joseph Ratzinger. Nach seinem
Ausscheiden aus dem Priesteramt lehrte Boff Ethik, Philosophie und
Religion an der Universität von Rio de Janeiro. Er ist Autor von
mehr als 60 Büchern, die zum Teil in die gängigen Weltsprachen
übersetzt wurden. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den
"Alternativen Nobelpreis".

(forts. mgl.)
nnnn

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