- 30.10.2009, 12:32:05
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Caritas will mit Spenden "Wunder wirken"
Pressefahrt zum Start der diesjährigen Kampagne für die Inlandshilfe - Caritas-Präsident Küberl mahnt Aufmerksamkeit für wachsende Armut in Österreich ein - Wiener Caritasdirektor Landau: Anteil junger Menschen unter Bedürftigen steigt
Wien, 30.10.2009 (KAP) "Deine Spende kann Wunder wirken": Mit diesem
Slogan lenkt die Caritas bei ihrer diesjährigen
Inlandshilfe-Sammlung die Aufmerksamkeit auf die wachsende Armut in
Österreich und wirbt um Solidarität in Form von Spenden.
Caritas-Präsident Franz Küberl sagte bei einer Pressefahrt, die am
Donnerstag zu Caritas-Einrichtungen in Wien, der Steiermark und
Oberösterreich führte, dass die derzeitige Wirtschaftskrise den
Trend verstärke, "auf sich selbst zu schauen". Demgegenüber wolle
die Caritas bewusst machen, dass schon kleine Spenden große Wirkung
haben können. "Für dich ist es eine Winterjacke. Für mich ist es ein
kleines Wunder", heißt es zum Foto eines Kleinkindes auf einem der
Plakate, mit denen die Caritas im November österreichweit um
Solidarität wirbt.
Die Caritas wirke in vielfältiger Weise an "Problemzonen" der
Gesellschaft, die "nicht ausgeblendet werden" dürften, so der Appell
Küberls. Dass Spendengelder effizient und oft existenzsichernd
eingesetzt werden, wurde bei der Pressereise am Donnerstag vor Augen
geführt: im "Juca", dem Haus der Caritas für obdachlose Jugendliche
in Wien, im Grazer "Marienstüberl", wo neben dem leiblichen Hunger
auch jener nach sozialen Kontakten gestillt wird, im "Haus
Elisabeth" am Stadtrand von Graz, wo Frauen und ihre Kinder in
Krisensituationen Unterkunft finden, und im Hartlauerhof in Asten
bei Linz, wo vielfach problembeladenen Männern ein Neustart
ermöglicht wird. Neben den Verantwortlichen dieser Einrichtungen
standen auch die Caritasdirektoren der jeweiligen Diözesen - Msgr.
Michael Landau (Erzdiözese Wien), Mathias Mühlberger (Linz) und
Franz Küberl (Graz) - Rede und Antwort über die auch durch
Spendengelder ermöglichten Hilfsangebote für notleidende Kinder,
Frauen und Männer in Österreich.
Dass das soziale Netz hierzulande für viele nicht engmaschig genug
ist, veranschaulichte Caritas-Präsident Küberl mit folgenden Zahlen:
Fast 400.000 Österreicherinnen und Österreicher leben laut
"Statistik Austria" in manifester Armut, weitere 600.000 sind
armutsgefährdet und könnten bei Krankheit, Arbeitsplatzverlust oder
Scheidung endgültig in akute Not geraten. Jede fünfte Familie mit
drei oder mehr Kindern ist armutsgefährdet, noch exponierter sind
hier Alleinerziehende (32 Prozent sind armutsgefährdet) und
Migranten (24 Prozent). Besonders bedrückend: Das Armutsrisiko von
Kindern und Jugendlichen liegt bei 15 Prozent: 260.000 der jungen
Österreicherinnen und Österreicher unter 20 ist von Armut bedroht,
100.000 leiden akut darunter.
"Gesicht der Armut" wird immer jünger
Jenseits von Statistiken hat Armut "immer ein Gesicht", unterstrich
Caritasdirektor Landau beim Besuch des Wiener "Juca"; und "immer
öfter ist es das Gesicht eines jungen Menschen". Zuletzt sei der
Anteil der Obdachlosen unter 30 in Wien stetig gestiegen, bereits
ein Drittel der Klienten bei der Caritas-Erstanlaufstelle P7 gehört
dieser Altersgruppe an. Gerade in der Wirtschaftskrise zeigt sich
nach den Worten Landaus: "Junge Menschen, vor allem schlecht
ausgebildete, haben heute sehr oft keine Perspektiven". Sie in ihrer
Not allein zu lassen, könne sich Österreich sowohl
gesellschaftspolitisch als auch ökonomisch "nicht leisten", betonte
er.
Im "Juca" unterstützt ein Caritas-Sozialarbeiterteam wohnungslose,
oft verschuldete, suchtkranke oder kriminell gewordene, psychisch
angeschlagene junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren.
Vorrangiges Ziel ist laut Hausleiter Michael Zikeli, dass die jungen
Leute sich wieder an einen geregelten Tagesablauf gewöhnen. In einer
hauseigenen Werkstätte, in der Lautsprecher und Hausschuhe
produziert werden, können die Bewohner erste Schritte tun und
Erfolgserlebnisse sammeln. Die Betreuer bieten aber auch
Unterstützung bei rechtlichen, sozialen und finanziellen Problemen
sowie bei der Bewältigung persönlicher Krisen.
Not muss auch strukturell bekämpft werden
Kritik äußerte Landau an der "härter werdenden politischen Debatte"
über Armut: Die "aktuelle Missbrauchsdebatte rund um ein
Transferkonto" wecke den Eindruck, die politisch Verantwortlichen
seien "auf einem Auge blind", weil sie nur auf die Schwachen in der
Gesellschaft schauen. Wörtlich meinte der Wiener Caritasdirektor:
"Ich würde mir ebenso klare Worte aus der Bundesregierung wünschen,
wenn beim "Buwog"-Verkauf für 14-tägige Beraterleistungen 9,6
Millionen Euro an Steuergeld bezahlt werden - dazu fehlt
offensichtlich der Mut". Dass die Caritas ihr Augenmerk nicht nur
auf Nothilfe, sondern auch auf politische Armutsbekämpfung legt,
unterstrich Landau mit der Forderung nach einer "umfassenden
Verteilungs- und Gerechtigkeitsdebatte, die alle Einkommen - d.h.
neben Sozialleistungen auch Erwerbs- und Kapitaleinkommen
-miteinbezieht".
Eine Diskussion "auf dem Rücken der Ärmsten, die unerträglich ist",
ortet der Wiener Caritasdirektor auch beim Thema Mindestsicherung.
Angesichts der Tatsache, dass derzeit auf einen offenen Arbeitsplatz
rund 10 Jobsuchende kommen, werde er "wütend" bei Aussagen wie "wir
sind für jene da, die früh aufstehen, um zur Arbeit zu gehen", so
Landau wörtlich.
Caritas-Präsident Küberl kritisierte, dass die längst beschlossene
bedarfsorientierte Mindestsicherung derzeit in der "Warteschleife"
ist und noch immer kein Gesetzesentwurf dazu vorliegt. Die Regierung
müsse "Gas geben", um die geplante Umsetzung mit Jahresbeginn 2010
in die Wege zu leiten. Österreich brauche endlich ein vereinfachtes
Sozialsystem mit bundesweit einheitlichen, transparenten Regeln, die
Einrichtung von Anlaufstellen für alle Sozialleistungen nach dem
"One-desk-Prinzip" sowie einen Rechtsanspruch statt der bisherigen
"Kann-Leistung" bei der Sozialhilfe. Wichtig sei auch die Anbindung
der Mindestsicherung an den Arbeitsmarkt, so Küberl beim Besuch des
Grazer Marienstüberls.
"Warmes für den Magen und für die Seele"
Diese Begegnungsstätte in der Grazer Keplerstraße 82 dient Menschen
am Rand der Gesellschaft als Treffpunkt, an dem sie "Warmes für den
Magen und für die Seele" bekommen. Täglich kommen bis zu 200
Menschen, um unter der manchmal durchaus auch strengen Obhut von
Schwester Elisabeth Gruber für einige Zeit in eine Atmosphäre
einzutauchen, in der sie angenommen werden, wie sie sind. Ihnen wird
hier auch die Möglichkeit geboten, Wäsche zu waschen oder sich
kostenlos mit neuem Gewand zu versorgen. In den Obergeschossen des
Sozialzentrums bieten Sozialberater der Caritas Unterstützung, um
die schwierigen persönlichen Lebenssituationen positiv zu verändern;
es gibt aber auch medizinische Versorgung für nicht
Krankenversicherte.
Auch das "Haus Elisabeth" am Westrand von Graz bietet Geborgenheit
und Hilfe: Es ist Anlaufstelle für Frauen - und oft auch ihre Kinder
-, die nicht wissen, wo sie die Nacht verbringen können bzw. die
aufgrund einer schwierigen Lebenssituation vorübergehend eine
Unterkunft brauchen. Auch hier sind die Problemlagen vielschichtig,
berichtete Leiterin Maria Freidl: Gewalt, Sucht, Geldnot, psychische
Beeinträchtigungen prägen meist den Alltag der Gäste. Die
Notschlafstelle ist rund um die Uhr geöffnet und bietet bis zu 14
Frauen und sechs Kindern Platz. In der Wohngemeinschaft des "Hauses
Elisabeth" leben maximal sechs Frauen und drei Kinder bis zu einem
Jahr. Neben der Soforthilfe - Schlafplatz, Nahrung, Kleidung und
Hygieneartikel - gehe es in einem zweiten Schritt darum, gemeinsam
mit den Frauen deren Probleme abzuklären und sie individuell zu
beraten.
Von Simone di Pauli, einer 47-jährigen ehemaligen Bewohnerin,
erfuhren die Journalisten, dass ein Neustart gelingen kann: 16 Jahre
sei sie verheiratet gewesen, bis sie sich trotz ihrer fünf Kinder
von ihrem "sehr cholerischen" Ehemann trennte und im "Haus
Elisabeth" Unterschlupf fand. Jetzt absolviert sie eine Ausbildung
als Köchin und richtet Schritt für Schritt die im September bezogene
eigene Kleinwohnung ein.
Neustart mit kreativem Handwerk
Letzte Station der Pressefahrt war der Hartlauerhof, ein Vierkanthof
in Asten bei Linz, der bis zu 12 Männern Wohn- und Lebensraum
bietet. Der Linzer Caritasdirektor Mathias Mühlberger beklagte
fehlenden leistbaren Wohnraum in Oberösterreich: "Bei mehr als einem
Drittel der Vorsprachen in den Caritas-Beratungsstellen geht es
darum, dass die Klienten ihre Wohnkosten nicht mehr bestreiten
können". Im Hartlauerhof können obdachlos gewordene Männer in
Werkstätten einer regelmäßigen Beschäftigung mit den Materialien
Holz und Metall nachgehen. Die Produkte wie Mobiliar, Obstschalen,
Bienenhäuser oder Metallskulpturen sind durchwegs Unikate und finden
in der Öffentlichkeit großen Anklang, so Projektleiter Ulrich
Vollmer. Im kreativen Gestalten zeige sich, "welche Potenziale in
jedem stecken, wenn man ihm nur die Chance gibt, ihn fördert und
etwas tun lässt". Vollmer gestand, bei saloppen Reden über die
"soziale Hängematte" angeblich arbeitsscheuer Menschen "ärgerlich"
zu werden. Denn er wisse um das ehrliche Bemühen seiner Klientel,
die einen "schweren Rucksack" an Problemen mit sich herumschleppen
muss. Auch diese Menschen hätten ein Recht auf ein Leben in Würde,
umschrieb er die Caritas-Philosophie.
Der österreichische Sozialstaat komme seiner Verantwortung für
Menschen in Not nicht immer nach. Obwohl die Caritas kompetent
einspringt, bezeichnete es Franz Küberl als Missstand, dass "vom
Bodensee bis zum Neusiedlersee Hilfesuchende von Behörden zuerst zur
Caritas geschickt werden". Im Vorjahr erhielten 41.000 Menschen in
den Caritas-Sozialberatungsstellen finanzielle Hilfe und Beratung.
"Die Notlagen werden schlimmer", so Küberl: "Fragten die Menschen
noch vor einigen Jahren wegen der Finanzierung des Schulskikurses
an, kommen sie heute, weil sie kein Geld für Essen, Miete oder
Heizmaterial haben". (Spenden: Kto. Nr.: PSK 7.700.004, BLZ 60.000;
Kennwort: Inlandshilfe; Online-Spenden: www.caritas.at).
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