• 29.10.2009, 13:10:37
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Evangelische Kirchen fordern langfristige und soziale Krisenbewältigung

Bischof Bünker bei der Pressekonferenz zum Reformationsempfang: "Krise der Verantwortung"

Wien (OTS/epdÖ) - Nachhaltiges Wirtschaften, Mindestsicherung
und Armutsbekämpfung, Bildungsgerechtigkeit, Sozial- und
Umweltverträglichkeit sowie Integration und Zuwanderung, das sind die
Forderungen eines Positionspapiers der Evangelisch-lutherischen, der
Evangelisch-reformierten und der Evangelisch-methodistischen Kirche
zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise, das bei einer Pressekonferenz
anlässlich des diesjährigen Reformationsempfangs der Evangelischen
Kirchen Österreichs am 29. Oktober präsentiert wurde. In dem Papier
mit dem Titel "Allein ist nicht genug - Für eine Kultur des
Vertrauens", das auch beim Reformationsempfang vorgestellt und den
Verantwortlichen in der Regierung übermittelt werden soll,
"ermutigen" die Kirchen die Verantwortlichen in Politik und
Wirtschaft, "über die kurzfristige Stabilisierung hinaus eine
langfristige Bewältigung der Krise zu ermöglichen". In dem Papier
wird auch festgehalten, der Leitsatz für die kirchliche Einmischung
in die Politik im Sinne der Evangelischen Kirchen in Österreich
laute: "Kirchen wollen nicht selber Politik machen, sondern
politisches Handeln ermöglichen."

Wie der lutherische Bischof Michael Bünker auf der Pressekonferenz
erläuterte, könne die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise, auf
die der heutige Reformationsempfang ausgerichtet sei, auch als "Krise
der Verantwortung" beschrieben werden. Bünker hob hervor: "Seit der
Reformation treten die evangelischen Kirchen für den verantwortlichen
Gebrauch der Freiheit ein und setzen sich für ein Zusammenleben in
Vertrauen ein." Der Bischof sagte: "Es sind in erster Linie
diejenigen in die Pflicht zu nehmen, die Verantwortung tragen oder
von der Art des Wirtschaftens, die zur Krise geführt hat, über die
Maßen profitiert haben." In diesem Zusammenhang kritisierte Bünker
einen "Sozialneid von oben, durch den die Verantwortung für die
Folgen abgelehnt und nach unten verlagert wird".

Hennefeld: Warnung vor "Barbarei" und vor "Recht des Stärkeren"

Dass fehlende Verantwortung in der Gesellschaft "in die Barbarei und
zum Recht des Stärkeren" führen kann, davor warnte auch der
reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld auf der
Pressekonferenz. Hennefeld sprach davon, dass die "Kluft zwischen
Besitzenden und Besitzlosen" gewachsen sei. Für den christlichen
Glauben gebe es aber "einen untrennbaren Zusammenhang zwischen
Gottesliebe und Menschenliebe, zwischen Gottesdienst und Dienst am
Menschen". Hennefeld folgerte daraus: "So sind wir als Kirche
gefordert, uns dem Menschen in seiner Ganzheit zuzuwenden, und das
schließt auch die Forderung an die Politik nach sozialer
Gerechtigkeit, ja nach menschenzentrierter und nicht marktzentrierter
Gesellschaft ein."

Seine Kirche bemühe sich "seit jeher, Evangelium und soziales Handeln
zu verbinden". Das unterstrich der Superintendent der
Evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich, Pastor Lothar Pöll,
in dem Pressegespräch. Die Evangelisch-methodistische Kirche in
Österreich setze sich ein "für eine Mindestsicherung, von der ein
Mensch wirklich leben kann, für eine Asylpolitik, die mit den
Menschenrechten und der Genfer Flüchtlingskonvention vereinbar ist,
und für eine Politik der Integration und Antidiskriminierung, die
getragen ist von einer Wertschätzung von Migranten und Migrantinnen".

Chalupka: Die Schwächsten müssen die Krise bezahlen

Derzeit werde in der Gesellschaft diskutiert, wer für die Krise
zahlen müsse, und es bestehe die Gefahr, dass dies die Schwächsten
seien. Das erklärte der Direktor der Diakonie Österreich, Pfarrer
Michael Chalupka. Chalupka forderte "ein drittes Job- und
Konjunkturpaket, das in Pflege, Kinderbetreuung und Bildung
investiert", eine inklusive Pädagogik und eine "sozial nicht
ausgrenzende Schule" für Kinder mit Behinderungen, sozial
benachteiligte Kinder und Kinder aus armutsgefährdeten Familien sowie
eine Sozialverträglichkeitsprüfung zur Vermeidung nachteiliger
sozialer Auswirkungen von Gesetzesvorhaben.

Scharf wandte sich der Diakonie-D
irektor gegen die Kürzung der Sozialhilfe um 15 Prozent und forderte
stattdessen "eine Mindestsicherung, die zum Leben reicht". Chalupka
trat auch für ein eigenes Integrationsressort ein, da das
Innenministerium in Sachen Integration und Migration "für den weitaus
größten Teil der Materie nicht über die notwendige Kompetenz
verfügt". Das Innenministerium sei "fehl am Platz", wenn es darum
gehe, Entscheidungen über Fragen wie integrativer Unterricht,
Wohnungsfinanzierung und Stadtentwicklungsinitiativen zu fällen.

Zum Vorschlag des Finanzministers, Konten für Transferleistungen
einzurichten, sagte der Diakonie-Direktor: "Ich glaube, das ist ein
Gag. Hier muss noch vieles durchdacht werden." Grundsätzlich gelte:
"Transparenz ist immer gut, Kürzen von Sozialleistungen ist
verwerflich."

Bünker: Studentenproteste "positiv"

Zu den Studentenprotesten auf Grund der Situation an den Hochschulen
erklärte Bischof Bünker auf Journalistenfragen, protestierende
Studenten seien "etwas Positives". Das zeige, dass es keine
politikverdrossene Jugend gebe. Bünker bekräftigte: "Wir brauchen
mehr Bildungsgerechtigkeit. Die Politik ist hier gefordert."

Zur ökumenischen Situation in Österreich sagte der Bischof, sie sei
"im Wesentlichen eine sehr gute", vor allem auf Grund der großen
ökumenischen Vielfalt im Land, die insbesondere den orthodoxen
Kirchen zu verdanken sei. Bünker verwies auf die Kirchliche
Pädagogische Hochschule Wien-Krems als ökumenischer "Schrittmacher".
Handlungsbedarf bestehe allerdings noch in der Umsetzung ökumenischer
Dokumente wie der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre im
kirchlichen Leben. "Sorge" bereite das Angebot des Vatikans an
unzufriedene anglikanische Priester. Hier stelle sich die Frage, ob
es sich um "Rückkehrökumene" handle.

Rückfragehinweis:
epdÖ
Dr. Thomas Dasek
Tel.: (01) 712 54 61 DW 12
mailto:[email protected]
http://www.evang.at

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