• 22.10.2009, 10:00:23
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Jugendliches Risikoverhalten: Nachlese zum KfV-Fachsymposium

Das Schaffen von Räumen für kontrolliertes Risiko und Peer-Education werden von Experten als zielführende Ansätze der Risikoprävention bei Jugendlichen gesehen

Wien (OTS) - 157.700 Jugendliche verunglückten im Jahr 2008 bei
einem Unfall. Verglichen mit anderen Altersgruppen besteht in der
Gruppe der 15- bis 24-Jährigen insgesamt das höchste Unfallrisiko.
Die erhöhte Risikobereitschaft Jugendlicher entstehe aus der
Überforderung durch die Ansprüche der Gesellschaft, sagte Mag.
Bernhard Heinzlmaier, Vorsitzender des Instituts für
Jugendkulturforschung anlässlich des Fachsymposiums "Jugend:Risiko?"
des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV). Heute gäbe es für
Jugendliche unendlich viele Möglichkeiten, gleichzeitig entstünde
daraus ein von Jugendlichen als beängstigend wahrgenommener Drang,
das Beste herauszuholen und einzigartig zu sein. 60 Prozent der 11-
bis 19-Jährigen fühlen sich einem starken Druck in der Schule
ausgesetzt und sind der Ansicht, dass Anerkennung von den Eltern nur
mit schulischem Erfolg erlangt werden kann. Doch gesellschaftliche
bzw. familiäre Anforderungen werden oft als nicht erreichbar
wahrgenommen.

Risikoverhalten als Ausweg aus der Überforderung

Risiko ist nötiger Teil der jugendlichen Entwicklung, allerdings in
Form von produktivem, kalkulierbarem Risiko, erläuterte Dr. Klaus
Hurrelmann, Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften an
den Universitäten Bielefeld/Berlin. Unproduktives, d.h.
unkalkulierbares Risiko wird dann eingegangen, wenn es nicht gelingt,
ein Gleichgewicht zwischen den eigenen Leistungen und den
Anforderungen der Gesellschaft herzustellen. Aus Sicht der
Jugendlichen hat riskantes Verhalten mehrfachen Nutzen: sozial in
Form von Ankerkennung Gleichaltriger, psychisch als
Selbstwertbestätigung sowie physiologisch durch das Erleben von
Erregung und Nervenkitzel. Die Ausprägungen riskanten Verhaltens sind
dabei sehr unterschiedlich, auch in Abhängigkeit von der sozialen
Lage.

Unterschiedliche Äußerungsformen von riskantem Verhalten

Viele Verhaltensformen erfüllen den Zweck, einen Kontrast zur
Gesellschaft einzugehen, z.B. die Flucht in Computerspiel-Welten wie
"World of Warcraft" oder in Gruppierungen, die sich stark abheben,
wie etwa die Gothic-Szene. Eine weitere Möglichkeit, aus den Normen
und Regeln der Gesellschaft auszubrechen sind Events wie z.B.
Flat-Rate-Partys, die für Jugendliche eine kompensatorische Funktion
haben: Hier kann vorübergehend ein explizit anderes Verhalten als von
der Gesellschaft gefordert gezeigt werden. Heinzlmaier bezeichnet
dies als "Grenzüberschreitung mit Rückfahrkarte", d.h. das Risiko
wird bewusst aber zeitlich beschränkt eingegangen. Ziel der
Jugendlichen sei aber nicht, sich ins Koma zu trinken, sondern rasch
einen alkoholisierten Zustand zu erreichen und den Alltag hinter sich
zu lassen. Risiko bedeute hier ein bewusstes Inkaufnehmen von
Kontrollverlust, erklärte Mag. Wolfgang Schick, Landesjugendreferent
Salzburg und Geschäftsführer des Vereins Akzente. Viele Jugendliche
suchen Risiko im Sport, allerdings sei der "Kick" nur eine Motivation
am Rande. Der Körper stehe als Symbol für Leistungsfähigkeit.

Prävention: Schaffen von Räumen und Angeboten für kontrolliertes
Risiko

Eine nicht tolerierbare Grenzüberschreitung ist riskantes Verhalten
im Straßenverkehr, das nicht nur die jungen Lenker, sondern auch
andere Verkehrsteilnehmer in Lebensgefahr bringen kann. Laut Michael
Habel, ARBÖ-Fahrsicherheitstrainer, hebt die Mehrphasenausbildung
maßgeblich das Bewusstsein für die Folgen von riskantem
Fahrverhalten. Bei den Fahrtrainings haben Jugendliche die
Möglichkeit, unter kontrollierten Bedingungen ihr Fahrzeug
auszutesten. Hier setzt ein wichtiger Punkt von Prävention an: das
Schaffen von Räumen und Angeboten für kontrolliertes Risiko. Für die
Präventionsarbeit entscheidend sei die Kommunikation mit Jugendlichen
und das Verstehen ihrer Bedürfnisse - nicht nur an der Oberfläche,
betonte Dr. Artur Schroers, Leiter des Instituts für Sucht- und
Drogenkoordination Wien. Dabei könne die Veränderung des Verhaltens
nicht das wichtigste Ziel sein, sondern vielmehr die Veränderung der
Verhältnisse, d.h. die Stärkung der Persönlichkeit und die
Unterstützung bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben, erklärte
Mag. Dorothea Stella-Kaiser, Psychologin und Psychotherapeutin beim
Verein P.A.S.S. Es sei nicht notwendig, Jugendliche über Gefahren
aufzuklären, denn Risiken werden bewusst eingegangen.

Erfolgreicher Präventionszugang: Peer-Education

Bei allen Referenten herrschte Einigkeit über die Methode der Wahl
bei der Risiko-Prävention: Peer-Education. Dabei betreiben
Gleichaltrige in Zusammenarbeit mit Fachleuten Prävention und
begegnen Jugendlichen auf Augenhöhe. Ein Beispiel dafür sind junge
Lenker, die einen Verkehrsunfall hatten und in Schulklassen von ihrer
Erfahrung erzählen. Dies sei aber nicht nur für Jugendliche wichtig -
neben den sogenannten Schüler-Peers müsse es auch Lehrer- und
Eltern-Peers geben, betonte Stella-Kaiser. Oft fehle es laut Dipl.
Päd. Jürgen Einwanger, Leiter der SPOT Jugendseminare beim
Österreichischen Alpenverein, an Erwachsenen, die jungen Menschen
Orientierung geben. Sie entziehen sich oft der Verantwortung, da sie
selbst "jung bleiben" wollen und sich selbst nicht als Vorbild für
Jugendliche wahrnehmen. "Riskantes Verhalten Jugendlicher kann
jedenfalls nicht losgelöst von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
gesehen werden", schließt Dr. Othmar Thann, Direktor des KfV.

Rückfragehinweis:
Kuratorium für Verkehrssicherheit , Marketing & Kommunikation
Bakk.phil. Elisabeth Gerstendorfer
Tel.: 05 77 0 77-1906
mailto:[email protected]
www.kfv.at

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