OTS0032 / 11.10.2009 / 14:07 / Channel: Politik / Aussender: Kathpress
Stichworte: Bartholomaios / KATHPRESS / Kirchen / Orthodoxie / Türkei


Hoffnungszeichen für das Ökumenische Patriarchat


utl: Bartholomaios I. sieht "langsame, aber stetige Schritte" in 
Richtung EU und Etablierung der Menschenrechte in der Türkei - 
Patriarch trifft noch im Oktober UN-Generalssekretär Ban Ki-Moon 
und US-Präsident Obama =
   Istanbul, 11.10.2009 (KAP) Vorsichtig optimistisch über die Zukunft 
des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel in der Türkei ist 
Patriarch Bartholomaios I. Im Gespräch mit den Teilnehmern einer 
"Kathpress"-Journalistenreise nach Istanbul sprach Bartholomaios I. 
von einigen kleinen Schritten, die ihn hoffen ließen, dass sich die 
Situation für die Minderheiten in der Türkei langsam bessern werde. 
Die Etablierung der Menschenrechte in der Türkei und die Schritte in 
Richtung EU gingen sehr langsam, aber stetig voran. Zugleich stellte 
Bartholomaios I. klar: Was immer auch passieren wird und mit welchen 
Schwierigkeiten das Patriarchat auch immer konfrontiert wird, man 
werde am Bosporus bleiben. 
Wie der Ökumenische Patriarch sagte, habe es im Stiftungsrecht 
einige Verbesserungen für die Kirchen im Land gegeben. Rechte, die 
den Kirchen vor Jahren entzogen wurden, seien nun wieder vorhanden. 
So etwa das Recht, Schenkungen anzunehmen. Früher sei es auch nicht 
möglich gewesen, dass Metropoliten ohne türkische Staatsbürgerschaft 
Mitglieder des Heiligen Synods des Patriarchats sind. 
Aktuell verwies der Patriarch auf den sehr konstruktiven Besuch des 
neuen griechischen Ministerpräsidenten Georgios Papandreou in der 
Türkei am Freitag und die Unterzeichnung des türkisch-armenischen 
Abkommens in Zürich. Beides Zeichen, dass Ankara einen Kurs der 
politischen Entspannung fahren wolle. Vor allem die vielen 
Auseinandersetzungen mit Griechenland, hauptsächlich bestimmt durch 
den vermeintlich unlösbaren Zypern-Konflikt, hätten dem Patriarchat 
sehr geschadet, da man zwischen die Fronten geraten sei, sagte der 
Patriarch: "Die Zeche für den Konflikt haben wir bezahlt". 
Bartholomaios I. ortete leichte Verbesserungen, was die Etablierung 
der Menschenrechte in der Türkei betrifft und wies auch darauf hin, 
dass sich die Stellung der Armee in den vergangenen Jahren ein wenig 
gewandelt habe. So seien inzwischen Armeeangehörige auch 
Zivilgerichten unterstellt und der Armeekommandant unterstehe dem 
Ministerpräsidenten. 
Die aufgezeigten Reformen, räumte Bartholomaios I. ein, seien für 
Europa selbstverständlich, für die Türkei aber eine elementare 
Herausforderung. Lob kam vom Patriarchen für die Regierungspartei 
AKP. Diese sei die erste Regierungspartei, die sich für die Rechte 
der Minderheiten einsetzt, auch wenn starke Kräfte im Land einen 
anti-europäischen und minderheitenfeindlichen Kurs fahren würden. 
Die Türkei brauche aber nicht nur Reformen von oben, sondern vor 
allem auch einen Mentalitätswechsel, betonte der Patriarch: Immer 
wieder versuche er im Gespräch mit Politikern die weit verbreitete 
Einstellung zu entkräften, dass das Ökumenische Patriarchat gegen 
die Türkei arbeite. Das Gegenteil sei der Fall. Letztlich sollte es 
für die Türkei eine Auszeichnung und Ehre sei, das Ökumenische 
Patriarchat im Land verankert zu wissen, so Bartholomaios I. Noch 
werde diese Ansicht aber nur von wenigen politischen 
Verantwortlichen und Intellektuellen geteilt, bedauerte der 
Patriarch. 
Wie Bartholomaios I. ankündigte, werde er die angesprochenen 
politischen Fragen auch bei seiner kommenden Reise in die USA zur 
Sprache bringen. Das Oberhaupt der Orthodoxie reist am 20. Oktober 
in die Vereinigten Staaten und wird in New York und Washington u.a. 
mit US-Präsident Barack Obama, UN-Generalssekretär Ban Ki-Moon, 
US-Vizepräsident Joe Biden und Außenministerin Hillary Clinton sowie 
Vertretern des US-Senats zusammentreffen. 
Zuvor wird der Ökumenische Patriarch am 8. Symposion über "Religion, 
Wissenschaft und Umwelt" teilnehmen, das in New Orleans stattfindet. 
Innerkirchlicher Hauptanlass der Reise ist der 10. Jahrestag der 
Amtseinführung von Metropolit Demetrios als Erzbischof der 
orthodoxen Erzdiözese von Amerika. Weiters wird der Patriarch in 
Washington an der Georgetown University und am "Center for American 
Progress" (einem der führenden Think-Tanks der Vereinigten Staaten) 
Vorträge halten. 
Der Patriarch hob ausdrücklich das Engagement der US-Regierung für 
die Sache des Ökumenischen Patriarchats hervor. Zuletzt hatte sich 
beispielsweise Präsident Obama bei seinem Türkei-Besuch im April 
diesen Jahres für die Wiedereröffnung des Priesterseminars und der 
Theologischen Hochschule von Chalki ausgesprochen. Die einzige 
Priesterausbildungsstätte des Patriarchats in der Türkei war 1971 
von den Behörden geschlossen worden. 
Während das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel in der Türkei 
nur mehr für eine Restminorität zuständig ist, unterstehen 
Bartholomaios I. in Griechenland, Westeuropa, Amerika, Australien 
und Ostasien zahlreiche Diözesen. Die Bedeutung des Patriarchats 
wird durch den offiziellen Besuch des Patriarchen in den USA 
unterstrichen. 
Versöhnung mit russischer Orthodoxie 
Als Oberhaupt der Kirche von Konstantinopel hat Bartholomaios I. 
Vorrechte für die Gesamtorthodoxie, die rund 350 Millionen Christen 
umfasst. Diese Stellung wurde allerdings in den vergangenen Jahren 
vor allem von Seiten der russisch-orthodoxen Kirche immer in Frage 
gestellt. 
Massive Verstimmungen zwischen Moskau und Konstantinopel gab es auch 
deshalb, weil sich nach der politischen Wende in Osteuropa 1989 in 
Nachfolgestaaten der Sowjetunion orthodoxe Landeskirchen bildeten, 
die sich von der russisch-orthodoxen Kirche lossagten und dem 
Ökumenischen Patriarchat unterstellten, beispielsweise in Estland 
oder der Ukraine. 
Wie der orthodoxe Metropolit von Austria, Michael Staikos, im 
"Kathpress"-Gespräch sagte, hätten sich die Beziehungen zwischen 
Konstantinopel und Moskau in den vergangenen Monaten wieder 
verbessert: angefangen mit einem Kirchengipfel in Kiew im 
vergangenen Jahr, wo Bartholomaios I. noch mit Patriarch Aleksij II. 
zusammengetroffen war, bis zum jüngsten Antrittsbesuch des neuen 
Patriarchen Kyrill I. im Phanar im Juli diesen Jahres. 
Nach der Ordnung der orthodoxen Kirche statten neu gewählte 
Patriarchen ihren ersten Auslandsbesuch dem Ökumenischen Patriarchen 
im Phanar ab. Dabei sprach Kyrill I. bei seiner Begegnung mit 
Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan auch das Chalki-Problem an. 
Erdogan sagte Kyrill zudem zu, dass die russisch-orthodoxe Seelsorge 
in der Türkei ausgebaut werden könne. Im Großraum Istanbul und an 
der türkischen Schwarzmeerküste leben inzwischen rund 150.000 
Russen. Formell unterstehen diese dem Ökumenischen Patriarchat, 
Kyrill I. und Bartholomaios I. vereinbarten, dass zur Seelsorge 
russischsprachige Priester in die Türkei kommen werden. 
Metropolit Staikos wertete die jüngste Annäherung zwischen Moskau 
und Konstantinopel als sehr positiv. Die Orthodoxie könne es sich 
angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen nicht mehr 
leisten, uneinig aufzutreten. Es gelte vielmehr, ein 
gesamtorthodoxes Zeugnis abzugeben, so der Metropolit gegenüber 
"Kathpress". 
Staikos verwies in diesem Zusammenhang auf die jüngste orthodoxe 
Konferenz von Chambesy, auf der die Gründung von gesamtorthodoxen 
Bischofskonferenzen in den zentralen Diasporaländern der Orthodoxie 
beschlossen wurde. Im Dezember werde sich zudem eine panorthodoxe 
Konferenz mit den Kriterien für den autokephalen oder autonomen 
Status einer orthodoxen Kirche beschäftigen. Die Frage, welche 
Voraussetzungen für den unabhängigen Status einer Kirche gegeben 
sein müssen bzw. wie der Weg zur Eigenständigkeit aussieht, sei 
äußert schwierig aber umso notwendiger zu lösen, so der Metropolit.. 
O-Töne zu dieser Meldung stehen in Kürze unter 
www.katholisch.at/o-toene zur Verfügung. 
 (ende)
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