oewapixel

OTS0259 / 06.10.2009 / 18:30 / Channel: Politik / Aussender: Die Presse
Stichworte: BUWOG / Karl-Heinz Grasser / Pressestimmen


"Die Presse" - Leitartikel: So, lieber Karl-Heinz, ganz sicher nicht, von Norbert Rief

Utl.: Ausgabe vom 7.10.2009 =


   Wien (OTS) - Exfinanzminister Karl-Heinz Grasser fehlte der
politische Ziehvater, der ihm Grenzen aufzeigte.
Karl-Heinz Grasser hat schon besser ausgeschaut (vermutlich auch
schlechter, aber da hat er sich nicht der Öffentlichkeit gezeigt).
Das lange Haar war zwar wie immer perfekt gescheitelt, der Anzug saß
maßgenau, die Krawatte harmonierte - aber unter den Augen sah man
Ringe. Es ist anstrengend, um seinen guten Ruf zu kämpfen.
Am Dienstag tat es der ehemalige Finanzminister vor einer hungrigen
Journalistenmeute in Wien. Eineinhalb Stunden lang erklärte er,
relativierte, kommentierte, empörte sich, wies Anschuldigungen zurück
und versicherte, nie irgendetwas von den seltsamen Deals seiner
Freunde beim Verkauf der Bundeswohnbaugesellschaften gewusst zu
haben.
Wer nach diesen 89 Minuten nicht fest davon überzeugt war, dass
dieser Mann noch nie in seinem Leben auch nur eine Sonntagszeitung
aus dem Hänger gestohlen hat, der hat nicht zugehört. Und das zeigte
vor allem eines: welch enormes politisches Talent hier saß.
Karl-Heinz Grasser schaffte es als jüngster Finanzminister der
Republik, die tiefroten, oft überheblichen Beamten des Ministeriums
für sich zu gewinnen, er erreichte als Politiker Beliebtheitswerte,
die mit denen von Hansi Hinterseer konkurrieren konnten, und er
begeisterte mit Wolfgang Schüssel einen alteingesessenen, mächtigen
Politiker, der bereit war, viel für das von ihm vergötterte
Jungtalent zu opfern und ihn sogar zum Vizekanzler zu machen. Dass
Grasser all das verspielt hat, zeigt etwas anderes: Es fehlte der
politische Ziehvater, der ihm Führung und Lenkung gab, der ihm
Grenzen aufzeigte und irgendwann einmal sagte: So, lieber Karl-Heinz,
ganz sicher nicht!
Wer schon mit 25 Jahren Landeshauptmann-Stellvertreter ist und einen
derart steilen Aufstieg ohne größere Rückschläge macht, der glaubt
irgendwann, dass alles möglich ist, dass er sich alles erlauben kann.
Der lebt irgendwann tatsächlich nach dem Motto des
Cole-Porter-Musicals "Anything Goes". Und genauso war es lange Jahre
auch.
Da lässt sich der Finanzminister beispielsweise im Privatjet einer
Firma zum Formel-1-Grand-Prix nach Monaco fliegen, die beim Verkauf
einer Staatsfirma mitbietet. Mag schon sein, dass das nicht den
strafrechtlichen Tatbestand der unerlaubten Geschenkannahme erfüllt
und auch nicht den von Beeinflussung. Aber es sieht verdammt schlecht
aus.
Die Aufregung darüber versteht er dann ebenso wenig wie die, als er
sich bei einem Urlaubsflug kostenlos in die Business-Class upgraden
lässt. Das steht ihm doch zu als Eigentümervertreter der AUA! Als
Finanzminister! Als Karl-Heinz Grasser!!
Der Herr Minister lässt sich von einem Herrenausstatter die Anzüge
sponsern, eine Huldigungs-Homepage zu einem Preis aufstellen, um den
andere ein Haus bauen, und das Ganze dann von der
Industriellenvereinigung zahlen. Den Auftrag für die Website bekommt
eine Firma, die einem Freund gehört.
Oder er setzt als Finanzminister einen Immobilienmakler in den
Aufsichtsrat der Bundeswohnbaugesellschaften, der bei der
Übersiedlung von Behörden groß abkassiert, und nach seinem
Ausscheiden aus der Politik macht er mit ebendiesem Makler gemeinsam
ein Immobilienbüro auf. Oder das Ministerium engagiert eine Webfirma,
bei der der Finanzminister Aktien hält. Das sieht alles sehr, sehr
schlecht aus.
Niemand will dem 40-Jährigen unterstellen, in kriminelle
Machenschaften verwickelt gewesen zu sein. Nicht nur, weil das bei
ihm schnell zu einer Klage führt. Vielleicht war er ja wirklich
einfach nur naiv. Vielleicht hat er sich wirklich nichts dabei
gedacht, als er Anzüge, Upgrades und Vortragshonorare akzeptierte.
Vielleicht hat er auf dem Flug zum Grand Prix tatsächlich nur
Champagner geschlürft und über die Startaufstellung diskutiert.
Vielleicht hatte er ja wirklich keine Ahnung von den Geschäften
seines Trauzeugen Walter Meischberger. Vielleicht haben die einst
besten Freunde bei gemeinsamen Golfausflügen und Abendessen
tatsächlich nie über den Buwog-Verkauf geredet. Vielleicht sind die
Vorwürfe der direkten Einflussnahme auf den Verkauf wirklich nur die
Racheaktion eines geschassten Mitarbeiters.
Aber Karl-Heinz Grassers großes Problem, das auch seinen
Wiedereinstieg in die Politik verhindern wird, ist: Viele Menschen
trauen es ihm zu.
Rückfragehinweis:
   Die Presse
   Chef v. Dienst
   Tel.: (01) 514 14-445
   chefvomdienst@diepresse.com
   www.diepresse.com
*** OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER
INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT ***
OTS0259    2009-10-06/18:30
061830 Okt 09
PPR0001 0636
Feedback